Monday, 1 October 2018

Heart of Gold

In einem ganz normalen Kalenderjahr endet das alte Jahr und beginnt das Neue am letzten Dezembertag. Da wird man plötzlich nachdenklich, da schreibt man sich To-Do-Listen und mistet einmal seine Seele aus. Und während alle laut von 10 rückwärts zählen, denkt man an all die neuen Ziele, diese jährlichen Vorsätze und an allem was man nicht geschafft hat, in der kleinen Hoffnung, dass es dieses Jahr mal anders sein wird.

In meinem Kalenderjahr ist es der Herbst, der mich nachdenklich und melancholisch wirken lässt. Ich nenne sie so gerne die herbstlichen Gefühle, vielleicht manchmal traurig, vielleicht manchmal verlangsamt und vielleicht auch manchmal still. Es sind aber die Art von Gefühle und Gedanken, die du gerne mit auf einer Tasse warmen Tee mitnimmst, denen du Karottenkuchen backst und denen du ab und zu doch die Tür öffnest, denn du weißt, die sind zwar da, aber kleben nicht an dir fest. Sie befinden sich mit dir im Raum, doch gleichzeitig kannst du atmen. Sie sind da und stellen dir sehr diplomatische Fragen. Ohja, diese herbstlichen Gedanken holen sich sogar den besten Wein aus deiner Speisekammer, hocken sich auf dein Sofa und beobachten dich. Ich beobachte mich. Ich zähle von 10 rückwärts. Ich denke an das vergangene Jahr. Anstatt Frühjahrsputz gibt es das "herbstliche Ausmisten", als würden nicht nur die Blätter ihre Farbe ändern, sondern auch in dir drin ändert sich erneut etwas. 

Herbst ist die Zeit, wo du den alten Mantel aus dem Schrank rausholst, um ihn mit neuen Erinnerungen aufzufüllen. In seinen Taschen findest du die vergangene Zeit....
Herbst ist die Zeit, wo wieder Kaffee mit Zimt und Tee mit Ingwer getrunken wird. Wo deine Fingerspitzen nach Orangen- und Mandarinenschalen riechen. 

Und jetzt bist du hier, zu diesem neuen Jahresbeginn, sitzt vielleicht in ein Café und lässt die letzten Sonnenstrahlen auf dich fallen. Du bestellst keinen Frozen Latte Macchiato mehr, sondern probierst den neuen Rooibos Vanillee Tee mit Honig aus. Und während du so langsam die frische herbstliche Luft auf dich einwirken lässt, denkst du nach, was so alles seit dem letzten Herbst mit dir passiert ist. Was aus deiner To-Do-Liste geworden ist, oder ob es jetzt Zeit ist eine neue aufzuschreiben. Wie rasant manchmal das Leben an uns vorbei geht, wie schnell der neue Herbst in die Stadt gezogen ist, wie aber gleichzeitig langsam und träge manche Momente waren, wie schnell dein Herz mal geschlagen hat und auch wie weit entfernt du einmal warst. 

Du machst die Augen auf und atmest tief ein. Du spielst mit Kastanien und erinnerst dich an Kind sein. Du spazierst durch das bunte Laub und lässt deine Schuhe nass werden. Du trägst erneut deinen Mantel und öffnest für all diese schönen und manchmal auch schweren Gedanken die Tür auf.

Herbst trinkt Wein und hockt auf dein Sofa. Tagsüber gibts dann Kaffee und Tee. Herbst trägt gerne einen Mantel und kleidet sich bunt. Herbst provoziert dich und Herbst streichelt gleichzeitig auch dein Gesicht. Herbst duftet nach Mandarinen und Zimt. Herbst ist ein melancholischer Poet, der sich gerne in dein Herz eingravieren lässt.
Herbst packt dich an die Hand....Herbst klingt nach Neil Young &"Heart of Gold"....


Saturday, 28 July 2018

Fahrradfahrt


Es ist ein später Abend an einem heißen Sommertag. Manche sitzen jetzt mit einem kalten Drink am Main, Basilikum Gin-Tonic und so. Andere bereiten sich für eine lange Party Nacht. Die anderen spazieren müde und erschlagen von der Hitze durch die Stadt, andere essen Eis und andere wiederum kommen gerade aus der Arbeit raus und lassen den Abend mit Freunden ausklingen. 
Und dann gibt es noch diejenigen, die leider erst den Arbeitstag beginnen. Es sind meine ersten Nachtschichten und während andere Richtung Feierabend radeln, radele ich Richtung Krankenhaus. Am liebsten hätte ich auch ein kaltes Bier in meinem Rucksack, würde auch am Main stehen bleiben und den Sonnenuntergang genießen. Stattdessen trage ich viel Angst und Aufregung in meinem Rucksack. Die Angst hat sich mehr oder weniger mit eingepackt und ist leider mein treuer Begleiter geworden. Das Fahrradfahren tut aber gut. Die Luft am Abend ist nicht mehr so stickig, die warme Sommerbrise sticht dir nicht mehr brennend ins Gesicht, sondern fühlt sich eher wie ein mildes Streicheln über die Wangen, nach dem Motto "es wird alles gut, Kind". Ich werde immer schneller und mache ab und zu die Augen zu. Manchmal wünsche ich mir, man könnte mit geschlossenen Augen Fahrrad fahren. Man empfindet eine gewisse Leichtigkeit, ein Gefühl des " es läuft alles schon von alleine", ein Geschmack der Sorglosigkeit. Für eine halbe Sekunde mache ich die Augen zu, denn ich brauche gerade all diese Gefühle. Die Angst klammert sich jedoch um meine Schultern fest. Sie mag es nicht, wenn man die Augen zu hat, wenn sie die Kontrolle verliert, wenn sie nicht mehr tief in deinem Gehirn verankert ist. 
Je näher ich dem Ziel komme, desto wilder werden meine Gedanken. Die Angst steigt langsam aus dem Rucksack raus und setzt sich mit aufs Lenkgrad. Denn sie möchte ja ganz vorne stehen. Meine Gedanken fahren Karussell. Wenn ich jetzt einfach nur eine Sonnenblume im Feld wäre, wenn ich mich einfach umdrehe und wieder Heim fahre, wenn ich vom Fahrrad aussteige, wenn ich in einer anderen Richtung fahren würde, wenn ich zum Bahnhof ankommen würde, wenn ich in einem Zug einsteigen würde, wenn ich ganz woanders wäre, nur nicht dort, wo ich bald ankomme....Doch das Fahrrad fährt weiter, die Angst tritt mittlerweile in die Pedale, ich kann mich nicht wehren...

Es ist die gleiche Uhrzeit an der ich seit 2 Tagen ankomme. Draußen sitzt der gleiche Mann, an der gleichen Stelle, raucht eine Zigarette. Er ist krank, abgemagert, grau im Gesicht und trägt einen Schutzkittel an. Als könnte ihn dieser noch von irgendwas beschützen....Gierig zieht er an seiner Zigarette, traurig sieht er aus, resigniert, oder vielleicht auch gleichgültig, vielleicht auch ängstlich. Jeden Abend, um die gleiche Uhrzeit, die eine Zigarette, wie ein sich wiederholender Film.

Nur noch zwei Nächte und dann kann ich wieder etwas durchatmen. Dann zündet sich meine Angst auch eine Zigarette an und blickt von Weitem auf mich zu, jeden Abend, von der gleichen Stelle, bis sie sich dann wieder heimlich in meinem Rucksack verkriecht und dann plötzlich auf mein Fahrrad sitzt....Bis sie aber hoffentlich irgendwann vom Fahrrad einfach runterfällt, weil sie an ihrer Zigarette erstickt oder weil sie in den falschen Rucksack einsteigt....oder weil ich sie selbst vom Fahrrad wegstoße....

Sunday, 10 June 2018

Am Flughafen



Auch wenn ich öfters unterwegs bin und den einen oder anderen Flughafen besuche, oder noch ewig darauf warte, bis mein Flug endlich losgeht, bin ich an diesem Ort immer aufs Neue fasziniert. Denn wenn du dich ein wenig umschaust, siehst du wie viele unterschiedliche Menschen sich an dem gleichen Ort befinden wie du. Und dass ist schon mal anders als in einer Stadt, wo natürlich auch in einem Stadtzentrum zum Beispiel, Menschen unterschiedlicher Nationen an der Ampel warten, oder vor dem gleichen Brunnen wie du stehen bleiben. Was sie genau vor haben, kannst du nicht so richtig wissen. Das tust du am Flughafen natürlich auch nicht und trotzdem hat man was Gemeinsames: das Reisen, der Weg, das Ankommen, der Abschied, das Wiedersehen, die Tränen, die Liebe, die Ankunft, das Davonlaufen, das sich Wiederfinden....Denn obwohl wir alle so unterschiedliche Menschen sind, befinden wir uns doch hier, an diesem Ort und bestellen Kaffee mit Milch, kaufen ein überteuertes Wasser, ein neues Schloss für den Koffer, heben Geld ab und blicken fragend und hoffnungsvoll auf dem großen Bildschirm wo unser Flug aufgelistet ist. Und wer weiß, mit dem einen oder anderen wirst du sogar im Flieger sitzen, oder das Taxi teilen, am Gate warten, durch die Check-In Kontrolle durch gehen, nie mit einander ein Wort wechseln, aber durch einen kurzen Blickkontakt, vielleicht sogar ein Lächeln, wissen, wolang und wohin....Weit, ganz weit.

Meistens bin ich viel zu früh da, lasse mir gerne Zeit, laufe ungerne zum Gate. Setze mich hin, höre Musik und beobachte:
Eine Frau mit langen orangenen Haaren liest Haruki Murakami "Norwegian Wood"....ich denke an den gleichen Song von den Beatles.
Ein kleines Kind hockt in seinem Wagen und lässt sich hin und her schaukeln. Dabei döst es jedes Mal ein bisschen ein. Ich würde nach meinem letzten Nachtdienst auch in einer Schaukel dösen.
Am anderen Ende treffen sich wahrscheinlich  alte Freunde wieder, denn es wird gelacht, geküsst und umarmt. Ich denke, gute Freundschaft ist Medizin für die Seele.
Vor mir klappt eine gut ältere Dame ihr Macbook auf und tastet wild darauf. Stylish die Oma.
Rechts läuft ein Pärchen Hand in Hand zum nächsten Gate, ich glaube es wurde nach denen gesucht.
Vor zwei Minuten hat der Herr in grauer Hose seinen Flug verpasst, doch kein Problem, der nächste Flug hat ja noch Plätze frei.

Und wer weiß wie oft wir uns alle hier schon getroffen haben, zusammen zum Gate gelaufen, in der Schlange gestanden, auf das Boarding gewartet, vielleicht sogar die gleiche Zeitschrift durchgeblättert.

Wir machen mehr Bekanntschaften als wir denken und unsere Wege kreuzen sich öfters als man je gewusst hat. Manchmal laufen wir nur etwas blind durchs Leben, laufen fort, rennen, rennen, rennen, um nicht zu spät oder sogar nicht zu früh da zu sein. Und dann befindet man sich an diesem bunt durchmischten Ort und wenn man die Augen öffnet, hat man sogar das Gefühl, man wüsste was voneinander....
Plötzlich zieht an dir dieser eine besondere Duft vorbei und auch wenn du nichts oder niemanden beobachtest während du dich umdrehst, ist es die Erinnerung an einem Ort, einer Person, der Geschmack einer Reise und der Ton einer alt bekannten Melodie...

Tuesday, 17 October 2017

Nach einem Jahr....



Vor genau einem Jahr, an einem ebenfalls sonnigen Oktobertag, begann mein erster Arbeitstag als frisch gebackene Assistenzärztin. Ich kann mich erinnern wie groß meine Angst am ersten Tag war, wie ich mich klein wie eine Ameise fühlte und wo ich nicht wusste wohin mit mir. Die tausend Fragen ob es das Richtige wäre, die Hoffnung, dass alles bald verständlicher sein wird und der Wunsch im neuen Beruf voran zu kommen. Ein komplettes Labyrinth im wahrsten Sinne des Wortes. Ich erinnere mich immer noch an Herr G., mein erster Patient, den ich alleine von Kopf bis Fuß betreuen durfte. Wie ich mir damals noch Zeit ließ, denn na ja, ich hatte ja im Moment nur einen richtigen Patienten. Wie er sich bei Entlassung nach zwei Wochen mit einem kleinen lilla Blumentopf "für die ihm gewidmete" Zeit bedankte. Die Zeit....gerne, Herr G. Was er wohl so macht?

Mittlerweile ist ein Jahr vergangen und habe alles andere außer....Zeit. Wie es natürlich in einem Maximalversorgungshaus auch so ist, betreue ich natürlich nicht nur einen Patienten, sondern mindestens 10. Mein Limit von 17 habe ich bis jetzt noch nicht überschritten, aber ich weiß, dass so ein Tag jederZEIT kommen kann. Jeder Morgen ist ein ständiger Kampf gegen die Zeit. Die rast mit einer unglaublichen Geschwindigkeit und so sehr ich mich beeile ihr hinterher zu rennen....meine Kondition wird trotz täglicher Übung nicht besser. Denn die Zeit wird schneller und die Patientenversorgung mehr und intensiver. Natürlich habe ich mir das aussucht und natürlich war es mir klar, dass ich kein Kaffeekränzchen mit den Leuten halten werde. Doch diese tickende Uhr, die einzuhaltenden Termine, der große Knall zur Mittagszeit wo du anstatt an einem Mittagessen eher an die Halbzeit denkst, geben mir zumindest oft das Gefühl mich in einem Hamsterrad zu befinden. Oh ja, und wie ich zu rennen gelernt habe. Für lange Geschichten und viel Leid, habe ich, so sehr ich mir das manchmal wünsche keine Zeit. Symptomorientiert, kompakt und effizient. Hauptsache schnell, doch gleichzeitig präzise, Hauptsache heute, doch gleichzeitig schon gestern fertig. Hauptsache es geht schnell.....denn es kommt noch schneller auf dich zu. Und so rase ich den Flur entlang, schiebe den schweren Wagen mit all den Akten um mich herum und frage mich die ganze Zeit, was weiß ich so von diesen Menschen, außer, dass der Blutdruck bei Frau H. unglaublich hoch ist und dass Herr B. seit drei Tagen kein Stuhlgang hat. Und natürlich weiß ich alles über das Brennen beim Wasserlassen bei Frau M. und dass mittlerweile bei Herr. A die niedrige Thrombozytenzahl sein zweiter Vorname ist. Ich kenne Zahlen, ich kenne Fakten, ich kenne Gewichte, Größen, ich kenne die Ausfuhr, ich kenne die unterschiedlichsten Darmgeräusche, doch was weiß ich am Ende von all den Menschen, die sich hinter diesen Parameter verstecken. Erschreckenderweise oft gar nichts. Du?
Tic-tac klopft die Uhr hinter meinem Ohr. Aussagen wie "ich komme später nochmals vorbei", "wir sprechen uns morgen nochmal", "fokkussieren wir uns jetzt mal auf diesem einen Fleck", heißt am Ende übersetzt, "tschüss, bis zur nächsten Visite", "sorry, aber in einer Stunde ist Anmeldeschluss", "reden wir morgen darüber". Natürlich ist mir bewusst, dass eine gewisse Struktur, Zeit und Regularität ihren Sinn und Zweck in diesem Beruf erfüllt. Sonst würden wir noch übermorgen da hocken und über das steigende CRP nachdenken.
Was sich in diesem einen Jahr gesammelt hat, muss ich offen gestehen, ist auch viel Frust und eine gewisse Traurigkeit. Dass wir mit unserem Beruf nicht in einer rosa Welt mit rosa Menschen arbeiten, oh, dass war mir schon immer bewusst. Doch, wenn man glaubt, man wisse während des Studiums und sogar während des Praktischen Jahres, was auf einem ganz GENAU zukommt, dass ist meiner Meinung nach ein großer Irrtum. Denn am Ende gabs ja nie die Zeit. Du bist nicht nur mit unglaublichen Schicksalen, total chaotischem System und Maschinen konfrontiert, sondern du bist in erster Linie mit dich selbst konfrontiert. Mit dir, deiner menschlichen und maschinellen Seite und nicht zuletzt....der Zeit.
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Doch genug der Jammerei. Denn in diesem einen Jahr habe ich noch vieles mehr dazu gelernt. Ich kann zwar immer noch keinen ordentlichen Ultraschall machen, aber ich erkenne die Trauer im Gesicht der Patienten. Ich werde selbst tachykard wenn ich ein EKG schnell schreiben muss, aber ich bin dankbar für die Freude eines am Leben erhaltendem Menschen. Ich muss immer wieder Dosierungen nachschlagen, aber ich habe Schicksale erlebt, die in keinem Medizinbuch geschildert sind. Ich suche immer noch den einen Mentor auf dem Weg meiner Ausbildung, doch dabei habe ich schon so vieles entdeckt. Dass der Mensch ein unglaublich komplizierter, anstrengender, nerviger, dementer, nicht mehr auszuhaltender und gleichzeitig, oh so spannender, wunderschöner und motivierender Organismus ist. Dass Menschen viel Leid ertragen können und viel, viel mutiger sind als du. Dass "wenn ich noch meinen Humor verlieren würde", laut Frau S. im palliativen Stadium, "dann was bleibt mir noch übrig....?"
Ja, was bleibt dir denn noch übrig? Klar, es gibt ein großes Problem im Gesundheitssystem, alles ohne Logik. Doch zumindest gibt es eins. Es sind so viele Lücken und so viele Frustgelegenheiten an jeder Ecke, dass man am liebsten gleich irgendwo Obst verkaufen würde. Es gibt dieses nagende Gefühl im Herzen und das Gefühl, das eigene Gehirn verstumpft und verbrennt von Innen. Und es gibt immer noch dieses Rad....und die Zeit.

Es bleibt nichts anderes übrig, als seinen eignen Sinusrhythmus herzustellen. Manchmal rasend, manchmal tachykard doch auch manchmal langsam, träge, bradykard....Ein Rhythmus wo die angegebene Zeit selbst im Hamsterrad läuft, denn heute lernst du mehr als nur die Zahlen...
Realistisch? Machbar? Anwendbar? Das weiß ich noch nicht, denn ich bin ja noch, wie die meisten sagen, jung und am Anfang, motiviert und voller Lebenslust. Oder soll ich es eher Frust nennen? Und während das Telefon im Dienst für mich wie das "One ticket to hell" klingt, versuche ich in allen Ecken dieses Hauses und dieses Systems noch den Blutdruck des Optimismus und der Hoffnung einzustellen. Ab und zu mal raus aus diesem Rad. Hallo Mensch! Denn wie man so gerne sagt...."wie wunderschön wär'...."

Monday, 11 September 2017

Alter weiser Mann



Die Jahreszeit Herbst ist für mich eine Zeit voller Erinnerungen. Es ist die Zeit des Neustarts. Der Herbst ist wie ein weiser, alter Mann mit langem vollen Bart und mit einem schweren Mantel, gestickt mit bunten Blätter. Er spaziert langsam durch die Straßen und trägt eine Tasche voller Kastanien. Er ist wie ein Buch voller Gesichten. Deine Gesichten. Meine Gesichten. 

Der Herbst erinnert mich an die Spaziergänge mit Oma durch Hermannstadt, Hand in Hand, den Opa auf der Arbeit besuchen.  Das Haus der Großeltern befand sich in einer langen Straße mit Kastanien- und Nussbäume geschmückt. Im Herbst, eine wahre Farbenpracht.

Der Herbst erinnert mich an den ersten Schultag, wo ich mich in meine Bank gesetzt habe, in der dritten Reihe und ich meine Buntstifte vorbereitete. Wie ich mit großen neugierigen Augen meine Lehrerin beobachtete. Und wie jeder Herbstbeginn ein neues Schuljahr bedeutete. Ein Jahr älter, ein Jahr weiter.

Im Herbst habe ich angefangen Journalismus für ein Jahr zu studieren. In September vor 9 Jahren habe ich zum ersten Mal Bekanntschaft mit Wien gemacht. Die Uni Wien hat einen wunderschönen Innenhof, wo man sich in seiner Lektüre vertiefen konnte. Ich wohnte damals neben dem Prater Park, wo ich morgens um 7 Uhr joggen war. Ich liebte die frische kalte Herbstluft, die mir das Gefühl gab meine Lunge zu säubern und mein Gehirn auf Null zu schalten. Manchmal frage ich mich immer noch wie ich so früh aufstehen konnte.

Ebenfalls im Herbst, ein Jahr später, habe ich mein Medizinstudium begonnen. Ich entdeckte die Stadt Frankfurt, die mir am Anfang ganz und gar nicht gefallen hat. Doch dann verliebte ich mich in die Appelsgasse in Bockenheim, die ruhig und gepflastert war. So kam es, dass ich die nächsten 7 Jahre in Bockenheim verbringen werde.

Im Herbst vor 4 Jahren ging ich für ein Auslandssemester nach Prag. Die Stadt in der sich viele Freundschaften geknüpft haben und die Stadt wo ich ein Teil von mir wieder gefunden hab. Eigentlich die einzig beste Zeit meines Studiums.

Im Herbst vor genau einem Jahr habe ich mich in die Stadt Valencia verliebt. Sie hat mich mit offenen Armen aufgefangen und mich Ruhe und Gelassenheit gelehrt. Es ist die Stadt, wo ich das Fahrrad Fahren einfach nur noch genieße und wo der Weg zum Meer der Weg zu mir selbst ist.

Letzten Herbst habe ich meine erste Arbeitsstelle angetreten. Das war definitiv ein harter und anstrengender Herbst. Alles neu, alles viel und gefühlt alles in einer anderen Sprache. Es war ein Herbst der großen Herausforderungen und des Durchhaltens. Ein Herbst abends voller Tränen und morgens voller Hoffnung.

Nicht zuletzt hat mir der alte Herbst die Liebe und Freundschaft vorgestellt. Ein wunderschöner Oktobermorgen mit einem guten Kaffee und ein langes, gefühlsreiches Gespräch. Geschickt hat es der Herbst angestellt, schlau wie ein Fuchs und weise wie ein Greis. Ein Lächeln, ein Händedruck, eine Umarmung, der Kuss.

Der Herbst ist ein großes, endloses Buch. Und auch dieses Mal schreibe ich meine Geschichte. Und du?