Wednesday, 22 January 2020

Kapitel 2 oder wie man das Warten lernt

Frau R. ist 92 Jahre alt. In Februar hat sie Geburtstag. Schon so viele Jahre sind vergangen. Sie hat Bauchschmerzen, schon seit 3 Wochen. Eigentlich wollte sie nicht ins Krankenhaus kommen, doch ihr Mann hat sie gedrängt. Ich erkläre ihr nur kurz, dass ich noch einige Notfälle hab, ich mich aber gleich auch um sie kümmern werde. Frau R. ist geduldig, sie sagt sie kann warten...denn warten und geduldig sein, hat sie nun ihr Leben lang...Ich versuche trotzdem so schnell es geht wieder bei ihr zu sein und frage sie ein bisschen über ihre Beschwerden ab, untersuche sie und sage ihr, was nun alles auf sie zukommt. Wir kommen ins Gespräch und auf meiner Frage ob sie jetzt ein Schmerzmittel bräuchte, lehnt Frau R. ab. Sie habe in der Vergangenheit viel Schmerz erlitten, damals während der Deportation....die Bauchschmerzen jetzt sind auszuhalten. Ich beobachte sie aus dem Augenwinkel, während ich die Blutentnahme vorbereite. Sie ist alt und trägt tiefe Falten im Gesicht, tiefe Falten, die eine Geschichte verbergen. Sie war früher bestimmt eine schöne Frau....bestimmt auch eine mutige Frau. Ich will sie direkt fragen, was für eine Deportation, welches Lager, wo kommt sie her, ist sie Jüdin? Doch ich traue mich nicht. Es scheint ihr genug Leid verrichtet zu haben. Mir fällt auf, dass sie einen besonderen Akzent hat und ich kann nicht anders tun, als sie irgendwann zu fragen woher sie komme. Als sie stolz Rumänien sagt, muss ich lächeln, nehme ihre Hand und verrate ihr, dass ich auch Rumänin bin. Ich sehe ein Leuchten in ihren Augen, als würde sich nun die Seele eines Menschen vor mir öffnen und wir führen unsere Gespräche auf Rumänisch fort. Da jetzt ein gewisses Bündnis zwischen uns besteht, frage ich sie welche Deportation sie meint. Da erzählt sie mir, sie sei im damaligen Bessarabien geboren, 1928. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde Bessarabien der Sowjetunion angeschlossen. 1941 fand die erste Deportationswelle vieler rumänischen Bewohner in die Ukraine und Russland statt. Ein schreckliches Arbeitslager, erzählt Frau R. Menschen die anscheinend gegen das sowjetische Regime handeln würden. All ihre Geschwister starben an Typhus, ihr Vater starb nach 3 Jahren im Lager. Frau R. war damals 13. Sie und ihre Mutter haben es geschafft. Jahre später sei sie in Bukarest sesshaft gewesen, ihr Mann sei Kürschner gewesen. Studieren konnte sie nie, sie musste lernen früh zu arbeiten....das Arbeiten und das Warten. Später dann die Flucht vom kommunistischen Regime, von Ceausescu. 
Ob ich verheiratet sei, fragt mich Frau R. Sie sei sehr glücklich mit ihrem ersten Mann gewesen, habe jung geheiratet, mit 22, aber das war damals so, sagt sie lächelnd. Ich sehe noch sehr jung aus, meint sie und erstaunt als sie erfährt, dass ich schon 30 bin. Für die Liebe solle ich mir Zeit nehmen, sagt sie, dass sei sehr wichtig im Leben. Jetzt ist sie verwitwet, lebt aber nicht alleine, sondern mit einem alten Familienfreund, der auch verwitwet sei. Sie sind nicht verheiratet, aber sie nennt ihn trotzdem ihr Mann. Wissen sie, sagt Frau R., wir haben uns Gedanken gemacht und keiner soll alleine im Leben sein. Wir wollten nicht alleine sein, hatten viel erlebt und den geliebten Menschen verloren. So dachten wir, warten wir doch zu zweit, bis auch unser Leben vorbei ist, sagt Frau R. und muss lachen.

Während des Gespräches musste ich denken, wie wir heutzutage (zumindest in Europa) für alles eine Wahl haben. Wie wir frei sind alles zu entscheiden und wie wir uns selber aussuchen können wo und wie wir leben wollen. Das keiner in der Nacht zu mir oder zu dir kommt und dir nur 15 Minuten Zeit lässt dein Leben in einer Tasche zu packen, dich in einem Wagon reinsteckt um dich dann weit weg von deinem Zuhause in einer Steppe rauslässt und dir sagt "so, jetzt überlebe". 

Was Frau R. damals so viel Kraft verleiht hat? Wie sie das Warten gelernt hat? Und wann sie zum ersten Mal ruhig geschlafen hat? Das konnte ich sie nicht mehr fragen, unsere Zeit war zu kurz. Ich vergewissere sie noch, dass die Bauchschmerzen aktuell nichts schlimmes sind. Sie solle sich keine großen Sorgen machen. Und ich bedanke mich....ich bedanke mich für ihre Zeit.....und für ihre Geduld.....

Saturday, 28 December 2019

Kapitel 1 oder die Liebe zum Tomaten-Gurken-Salat

7 Uhr: Mit müden, schweren Schritten und mit einem noch müderen Blick bereite ich mich für den neuen Patienten vor. Mein Kittel hängt ebenfalls schwer an meine Schulter und es fühlt sich an als würde ich das Gewicht der gesamten Nachtschicht rumtragen. Ich betrete den Raum:

Frau J., 81 Jahre alt, wohnt im Seniorenheim. Seniorenheim klingt auch viel schöner als Pflegeheim, meint sie. Grund de Kommens: hypertensive Entgleisung. Ich blicke auf den Monitor, der Blutdruck hält sich einigermaßen in Grenzen, noch muss ich nicht gleich intervenieren. Gut, dass heißt, ich kann sie schnell aufnehmen bis der Frühdienst kommt. Ich blicke auf die Uhr, noch 20 Minuten....und diese kommen mir ewig vor. Mittlerweile bin ich schon so müde, dass ich mich fast wie betrunken fühle und wir alle wissen, wenn man betrunken ist, hat man manchmal das Gefühl, man würde sich wie in Zeitlupe bewegen. Meine Gedanken sind schwer, mein Kopf brummt, ich habe eine Mischung aus Säure und Hunger im Magen. Ich schaue auf Frau J., die brav im Bett liegt, die Decke bis unterm Kinn. Sie ist rosig im Gesicht, lächelt mir zu und dann fängt sie an zu erzählen:

7:15: Frau J. habe heute Nacht gegen 3 Uhr Morgens ein plötzliches Hitzegefühl verspürt, ein Sausen um die Ohren. (Passt zum hohen Blutdruck, denke ich). Davor, habe sie sich ihren täglich nächtlichen Tomaten-Gurken-Salat mit Leinöl gemacht, denn wissen sie, Leinöl sollte sehr gesund sein. Danach habe sie wie gewohnt gelesen und dann.....Moment! Ich werde plötzlich wach und unterbreche sie mit einem sehr fragenden Blick: Salat um 1 Uhr in der Nacht? Jede Nacht? Um 1 Uhr? Frau J. lacht jetzt aus vollem Herzen und erklärt mir, dass sie im Seniorenheim einen ganz anderen Rhythmus hat. Sie sei eine Nachteule, stehe jede Nacht um 1 Uhr Nacht und bereite sich den Tomaten-Gurken-Salat vor. Immer. Das Rezept könne sie mir später geben. Beeindruckend, muss ich denken und überlege über meine Routine im Leben nach....also nicht so wirklich eine.....Ich muss Frau J. danach weiter unterbrechen, denn nun bin ich gespannt welches Buch sie denn nach dem nächtlichen Snack gelesen hat. Sie liest aktuell über Afrika. Es ist ihre große Leidenschaft und ist fasziniert vom Kontinent. Kennen tut sie ihn nur aus Geschichten, Erzählungen, aus Vorstellungen....jetzt sei es eh zu spät. Ich lächele nur. Da fehlen mir die aufbauenden Worte, denn ich sehe es auch ein, mit 81 Jahren aus dem Seniorenzentrum im Flieger nach Afrika....ein langer Weg.

7:20: Zurück zum Hitzegefühl....Da habe sie sich sehr unwohl gefühlt, sei kurz an die frische Luft gegangen, doch das habe ihr auch nicht mehr geholfen. So entschied sie sich doch der Pflegerin Bescheid zu geben. Ob sie hier bleiben müsse? Sie bereite täglich im Seniorenzentrum das Frühstück mit, helfe mit den anderen Bewohner....Wenn sie nur wüssten, wie dement viele sind, erzählt lachend Frau J.....Es gibt gar nicht so viele mit denen man vernünftig reden kann....ihr Blick wird traurig, ihre Mundwinkel fallen in sich zusammen....Doch egal, sagt sie wieder frisch, es ist dort trotzdem in Ordnung. Am meisten mag sie es, wenn ein Tanzabend organisiert wird oder es ein Geburtstag gibt. Dann stellt sie die Stühle beiseite und tanzt mit jedem im Raum. Auch die im Rollstuhl, sagt sie, auch die müssen mitmachen....Und lacht wieder. 
Kurzer Alaram am Monitor, Blutdruck steigt....ich glaube es ist aber die gute Laune.

7:25: Ich habe das Gefühl, dass sie sich sehr wohl da fühlen, sage ich zu Frau J. Stille. Sie wendet den Blick von mir ab und sagt nur leise, es habe ihr nicht immer gefallen. Die ersten Tage fand sie es schreklich. Wissen sie, sagt sie, ich hatte ein schönes Haus, ein großes Haus. Und jetzt....Sie habe sich 1 Mal versucht das Leben zu nehmen....so unglücklich war sie. Erneut Stille im Raum. Nur das Piepsen am Monitor, der rhythmische Takt der Herzfrequenz...Doch dann, setzt sie weiter fort, dann habe ich mich anders entschieden. Ich war immer ein positiver Mensch und das was mir vom Leben übrig geblieben ist, das soll mir keiner wegnehmen und deswegen tanze ich wenn ich kann und esse meinen Lieblingssalat um 1 Uhr in der Nacht....
Sie schaut mich strahlend an und ich sag ihr nur, wie sehr ich mich freue, dass sie sich anders entschieden hat und dass sie, auch wenn sie es vielleicht nicht merkt oder wahrhaben möchte, ein sehr wertvoller Mensch ist und dass sie vielen anderen Menschen hilft....

Wir brauchen sie Frau J. Vielen Dank! Sage ich zu ihr, die Hand festhaltend. Ob sie heute noch zurück gehen könnte, fragt sie, sie wissen....das Frühstück....Ich blicke auf den Monitor....der Blutdruck hält sich stabil....Ich denke schon, antworte ich lächelnd zurück...

Ich verlasse den Raum. Ob ich immer noch diesen schweren Kittel trage? Ob mich dieses schwere nächtliche Gewicht zu Boden drückt und mich in tausend Stücke zersetzen möchte? Ich kann es nicht genau sagen, habe leichte Tränen in den Augen, bestimmt die Müdigkeit, denke ich....und doch fühlt sich alles anders an. Ich frage mich gerade, wer heute der Arzt war....und wer der Patient...
Heute Abend gibts Tomaten-Gurken-Salat....

7:30: Schichtwechsel.

Monday, 30 September 2019

Im Labyrinth



Es fühlt sich manchmal wie ein Bücherstapel an, der zu fallen droht. Oder wie ein herbstlicher Sturm, der alle bunten Blätter durchwühlt. Und plötzlich ist die ganze Ordnung weg. Manchmal fühlt es sich wie ein unruhiger Fluss in den Bergen an, der sich schnell fortbewegt, der nicht zu ruhen mag, der wechselhaft und launisch ist. Ja, manchmal fühlt sich alles an wie ein Stück Zeitungspapier, welches vom Wind weggepustet wurde und es keine Kraft hatte sich festzuhalten. 
Die ganzen Gedanken wirbeln erneut im Kreis, von morgens bis abends. Und dann muss man noch Entscheidungen treffen. Da hat sich das menschliche Gehirn was ganz schön kompliziertes ausgedacht. Manchmal überkommt es einen so sehr, dass man gar nicht weiß wo Anfang und wo Ende ist. Du bist im Labyrinth. Der Ausgang ist vor deinen Augen, aber du bist geblendet, geblendet von all den Gedanken und der Angst. Wie eine Flut strömt es in dir rein. Du versuchst dich irgendwie an der Oberfläche zu halten, noch ein kräftiger Atemzug bevor du schwimmen musst. Nochmals richtig festhalten bevor sich deine Gedanken fest klammern. 
Man trifft jeden Tag Entscheidungen. Man steht jeden Tag vor einem Berg oder einer verschlossenen Tür. Man bleibt jeden Tag manchmal stehen und merkt eigentlich nicht, dass man trotzdem vorankommt. Und vielleicht ist es manchmal auch gar nicht so schlecht stehen zu bleiben, sich ordnen, das Puzzle neu anzufangen, die einzelnen Stücke neu sortieren, denen eine andere Richtung geben und wieder die Leichtigkeit finden. Vielleicht ist es manchmal gut ein Schritt zurück zu gehen, für eine bessere Sicht, ein Schritt in sich hinein, für ein besseres Horchen.

Man nehme einen Stift und ein Stück Papier und man schreibe alles auf. Schritt für Schritt. Man nehme sich selbst an die Hand und man flüstere sich selber zu "es wird alles gut". So wie die Mutter zum Kind. Man ordne erneut all die gefallenen Bücher, man kehre die Blätter weg und man lerne zu schwimmen. Man falte und entfalte das Zeitungspapier neu und man hole tief Luft...ganz viel davon.
Man trete in sein eigenes Labyrinth ein und man finde....man finde wieder den Ausgang...

Tuesday, 7 May 2019

Sie hat viele Formen



Sie hat verschiedene Formen. Sie kann von der einen Dimension in die andere gehen. Sie kann sich verwandeln, sie kann deinen Gesichtsausdruck annehmen, sie kann genau so wie du aussehen. Sie kann selber fühlen, obwohl sie oft selber ein Gefühl ist. Sie kann lachen und oh ja, wie sie dich auch noch auslachen kann. Sie kann aber auch traurig sein und dich tief in den Boden versinken lassen. Dich fest unter deine Decke halten oder sich wie ein Käfig über dich stürzen. Ja, sie hat viele Formen und trägt viele Kleider. Wechselhaft und unerwartet. Manchmal wenn du dankst, du seist sie endlich los oder du hättest sie längst vergessen, dann ist sie prompt wieder da. Tückisch, schlau wie ein Fuchs, unberechenbar. Manchmal ist sie so präsent in dein Leben, in deinem Tagesablauf, dass sie dir den Atem wegnimmt. Sie lässt dir genau noch so viel übrig, dass du nicht komplett blau anläufst und umkippst. Sie steigert deinen Puls hoch genug, dass du das Gefühl hast, dein Blut aus deinen Gefäßen würde bald aus dir rausplatzen. Eigentlich würdest du gerne all das erleben, denn dann hätte ja alles ein Ende, dann wäre endlich Ruhe. Dann könntest du dich ausruhen. Doch nein, sie bleibt da und quält dich. Lässt dich ihrer Anwesenheit wahrnehmen und betäubt gleichzeitig all deine Sinne, dein Verstand, dein rationales Denken. Und dann bist du hilflos, du würdest doch so gerne einfach frei sein, raus aus diesem Käfig. Du hast dich noch nie so sehr nach Luft gesehnt. Du hast dir noch nie so sehr diesen einen festen Griff gewünscht, der dich hält, der dich auffängt, wenn dein Körper dann doch plötzlich nachlässt und du das Gefühl hast du zerbrichst bald in tausende von Stücke...

Die Angst hat viele Formen. Manchen steht sie verankert auf dem Herzen und erstickt es sobald es lieben und glücklich sein möchte. Manchen klammert sie sich fest an die eigene Vernunft und friert das Denken ein. Gedanken lösen sich wie Schneeflocken auf. Manchen dringt sie bis tief in die Seele ein und verharrt da für viele, viele Jahre, bis du aus deiner eigenen Paralyse nicht mehr wach werden kannst und nur noch wie automatisch gesteuert durch den Tag läufst. Manchen kann man die Angst direkt ein den Augen lesen, im stummen Hilfeschrei, im Abschiedsbrief, weil alles viel zu viel und nicht mehr auszuhalten ist. Manchen nimmt sie die Stimme weg, anderen das Atem und manch anderen die Bewegung. 

Ja, die Angst hat viele Formen. Und manchmal bleibt es dir nichts anderes übrig, als für einige Sekunde die Augen zu schließen, aus einer Tasse Tee schlürfen und hoffen, dass auf einer unerklärlichen Art und Weise du zu deinem eigenen Halt wirst, dich auffangen kannst, das rechte Bein vor dem linken stellst und anfängst dich fortzubewegen. Hoffen, dass du von irgendwo die Kraft holst deinem Herzen zu sagen, dass es nicht alleine ist, deiner Vernunft, dass sie dich nicht verlassen soll und deiner Angst....tja, dass sie mal eine Tasse Tee trinken sollte....

Friday, 22 March 2019

Die Schaukel



Es gibt im Park nebenan eine Schaukel, die ich sehr mag. Sie ist eine Art Sessel und wenn man sich da reinfallen lässt, liegt man und schwingt man vor sich hin, als wärest du auf dem fliegenden Teppich. Der Blick ist nach oben gerichtet, zum Himmel. Heute trägt er endlich mal wieder ein schönes Blau, mit weißem, wolkigem Muster. Weit hinter dem Himmel, die Nachmittagssonnenstrahlen, die aus dem langen Winterschlaf rauskommen. Ich habe das Gefühl, dass wir alle aus einer Art Winterschlaf rauskommen müssen. Oder es zumindest versuchen. Vor dem blauen Himmel, zwei große Bäume mit vollen, grünen Blättern. Und bald werden die ersten Blüten zu sehen sein. Ich schwinge nur sehr leicht in der Schaukel. Ich mag keine Geschwindigkeit...
Und als ich weit weg in meiner Musik und Traumwelt vertieft war, kommen drei kleine Mädchen zu mir, die schon die ganze Zeit auf dem Spielplatz wie kleine Rehe hin und her sprangen und lachten. Die eine mit langen blonden Haaren und einer Brille fragt mich höflich, ob sie mitschaukeln dürften und bevor ich noch was sagen kann, springt das andere Mädchen mit einem geflochtenem Zopf, einer pinken Brille und einem leicht schielendem Blick zu mir in den Schaukelsessel. Sie erinnert mich.....an mich.... Das dritte Mädchen, die mir gleich erzählt sie sei 5 Jahre alt und werde diesen Sommer 6 möchte sozusagen die Schaukel bedienen und uns anstoßen. Ich steige aus, denn so viel Kraft, kann das zierliche Mädchen nicht haben und lass sie zu dritt ein bisschen schaukeln. Am Ende bleibt mein "früheres Ich" drauf und schwingt mit immer höherer Geschwindigkeit hin und her. Sie lacht und ist glücklich und während mein Herz sich zusammenzieht, weil ich selber bei der Geschwindigkeit Angst habe, sie könne hinfallen, oder oh Gott, was wenn die Schaukel nachlässt, fordert sie ihre Freundinnen auf, sie schneller anzustoßen. Ihr Gesicht, ihre Haare, ihre Brille und das lustige Schielen erinnern mich an das 5-jährige Ich. Der Unterschied ist, dass ich auch damals Angst vor dem zu wilden Schaukeln hatte. Während andere Kinder schreiend und mit den Beinen in die Luft fast ein Salto mit der Schaukel gemacht hatten, bin ich lieber in der Geschwindigkeit geblieben, wo ich noch mit den Füßen zu Boden kommen konnte, wo ich noch Bremsen konnte. Daran kann ich mich erinnern....und die Angst hatte ich mitgenommen. Während ich die lachenden Mädchen anschaute, die mich längst nicht mehr beachteten, versuchte ich mich an meine Kindheit zu erinnern. Immer wieder wird man gefragt, wie man so als Kind war, glücklich, traurig? Man erinnert sich natürlich an Gewalt oder Schläge, man erinnert sich an schwere Schicksale. Aber erinnert man sich so richtig wie man eigentlich war? Wann hatten sich denn die ersten Charakterzüge entwickelt? Wann gestaltete sich meine Persönlichkeit. Wann wurde denn "entschieden" ob ich jetzt ein braves, unglückliches, glückliches oder ängstliches Kind sei?
Mein "früheres Ich" blickte mir noch einmal ins Gesicht und gab mir zu verstehen, sie würde jetzt bald springen. Mein Herz pochte. Ich ging paar Schritte auf sie zu und fragte, soll ich die Schaukel anhalten? Nein, antwortete sie lachend und sprang! Ohne Angst, ohne Furcht, ohne Grübeln....Sie sprang und lief zu ihren anderen Freundinnen, die mir ab und zu einen versöhnenden Blick zuwarfen.

Ich setzte mich wieder in den Schaukelsessel rein und schwingte nur ganz langsam hin und her. Denn die Angst war weiterhin da. Ich blickte zum Himmel und ließ die Sonne auf mein Gesicht fallen. Ab und zu hörte ich die Mädchen kichern und herumlaufen. Ich hörte mein früheres Ich noch lauter lachen und dachte wo zwischen 5 und 29 Jahren ist diese Leichtigkeit verloren gegangen und wann kam die Angst, die so oft mit mir schaukeln wollte...?