Tuesday, 12 March 2019

Der verlorene Handschuh

Auf dem Weg nach Hause, bei der Nummer 52, hängt am Zaun, ein hellrosa Handschuh. Eigentlich hängt er nicht so richtig, sondern sitzt ganz stolz, in einer Linie mit den anderen spitzen Zaunfiguren. Eigentlich weiß ich auch nicht so richtig wie ich am besten die Position von diesem Handschuh beschreiben soll. Fakt ist, dass obwohl er so eine Blässe im "Gesicht" besitzt, an sich eher eine unauffällige Farbe, er mich in seiner "Handbewegung" zum Stehen bringt. Aus meinen tiefen und träumerischen Gedanken herausreißt. Und obwohl der Handschuh, am Wegrand 52 am liebsten laut "Stopp" schreien möchte, musste ich nur denken....wann und wie bist du denn verloren gegangen? Oder hat dich jemand an einer anderen Nummer, vielleicht an der 50 auf dem Boden liegend gefunden, dich aufgehoben und dich zur Sicht auf den Zaun platziert? Wem gehörst du?  Wer bist du? Wer hat diesen Winter oder vielleicht auch alle davor dich zum Aufwärmen genommen? Welche Geschichten tragen die müden Hände in sich? Oder waren es Kinderhände, deren Leben erst zu erzählen begann? Wo wurdest du überall mitgenommen? Wo bist du eigentlich entstanden? Warst du ein Geschenk? Ah du verlorener Handschuh, noch wichtiger....wo ist denn die rechte oder linke Hand?
Ich schaue mich um. Kein zweiter Handschuh zu sehen.

Es gibt vielleicht Tage, an denen du dich ebenfalls wie ein verlorener Handschuh fühlst. An denen du stehen bleibst, und dich an einem Zaun festklammerst oder sogar versuchst hochzuklettern. Um eine bessere Sicht zu haben. Um dein Verlorengehen besser betrachten zu können.

Es gibt vielleicht Tage, an denen du dann nur noch warten kannst, weil du erst später realisierst, dass du Höhenangst hast und auch von dieser Schutzwand nicht mehr runter kommen kannst. Was dir übrig bleibt, ist das Warten und Beobachten und das Hoffen, dass du da irgendwann runter kommst, oder abgeholt wirst...

Und dann gibt es vielleicht auch diese Tage, wo du es satt hast ein verlorener Handschuh zu sein. Wo du genug versucht hast, die Vorbeilaufenden zum Stehen zu bringen. Wo du dann einfach runterspringst und bemerkst, dass du sogar als Handschuh laufen kannst....


Wednesday, 30 January 2019

Die Lichterkette




Ich habe mir letztens eine Lichterkette gekauft. Denn ich wollte, dass mein neues Zuhause leuchtet und leicht glitzert. Lichter verbreiten meistens ein gemütliches Gefühl, die leuchtende Hoffnung oder auch Trost. Während ich die lange Lichterkette aus der Packung rausholte, merkte ich, dass etwas Arbeit auf mich zukommen wird, denn obwohl schön verpackt, war die ganze Kette, mit ihren kleinen Lichter und Drähten ein einzig großer Knoten. Und so fing ich an diese Lichterkette mit angeblich viel Geduld zu entknoten....Dabei musste ich gleichzeitig an zwei Sachen denken, zum einen wie sehr unser Leben manchmal einem festen Knoten ähnelt, bzw. wieviele Knoten wir tagtäglich erleben und zum anderen wie wenig Geduld ich eigentlich besaß....

Wir bleiben manchmal auf unserem Weg durch die Welt hängen. Wie eine Spinne im Netz. Vor uns, ein riesiger Knäuel, den wir auflösen müssen. Wie ein Puzzle, oder ein großes Rätsel. Manchmal tun wir uns Menschen, sehr schwer damit. Denn der Knoten ist manchmal viel zu fest gebunden. Der wurde entweder von uns, in einer früheren Zeit ganz fest zugemacht, oder er ließ sich von alleine festbinden, ganz heimlich, ohne das wir je was bemerkt hätten. Und da stehen wir manchmal an jenem Punkt im Leben, wo wir mit sehr viel Geduld anfangen müssen diesen dicken Bund an Gedanken und Gefühle aufzuschnüren. Und anstatt dass wir das alles leicht und geschmeidig hinbekommen und sozusagen die Lösung finden, knoten wir uns tiefer ein. Ja, wir selber schnüren den Faden fester um uns rum, fest um unser Herz, damit es je nicht zu viel fühlen kann, weil sonst die Gefahr der Verletzung und Enttäuschung besteht, fest um unser Gehirn, damit wir je nicht all zu viel denken und riskieren müssen, fest um unsere Lunge, damit wir je nicht zu tief Luft holen und den Sprung nach vorne zu wagen. Danach, nachdem alles fest gebunden ist, merken wir nach einiger Zeit, dass wir doch wieder alles etwas lockerer lassen müssen. Dass der Knoten im Leben erstickt und nur ein großes Hindernis ist. Das dieses Bündel an Energie vor dem Platzen droht, sobald es nicht endlich mal abgebunden ist, erlöst, aufgesperrt, endlich mal zugänglich. Und dann fangen wir an, langsam und mit viel Geduld und Motivation dieses ganze Geknäuel aufzuwinden. Es dauert und es ist müsig. Wir bleiben da drin stecken und kommen manchmal nicht voran. Wir fluchen, wir werfen es beiseite, wir fangen wieder an, wir schreien, wir atmen tief durch, wir koppeln und schneiden ab, wir sprengen, wir klappen und wir drücken auf...

Und irgendwann ist man endlich befreit. Man hat die Lösung, der Weg ist wieder gerade, man hat eine klare Sicht, man kann gut in sich hinein blicken und man kommt leichter voran. Es gibt keine Hindernisse, keine Umwege, keine Berge, die man klettern muss, es fühlt sich alles leicht wie ein Wasserfall. Ein perfekter Faden...

Doch egal was man macht, der Knoten gehört dazu. Immer wieder wird sich unser Leben ineinander verwickeln. Immer wieder werden sich Ängste, Liebe, Wut, Trauer und Hoffnung ineinander verflechten. Immer wieder werden wir in uns tief reinwühlen müssen um uns von unseren verknoteten Schichten loszubinden...


Immer mal wieder, wirst du da mit einer Lichterkette in den Händen stehen und so lange geduldig den Knoten auflösen bis du am Ende nur ein klares Lichtlein bist...


Sunday, 28 October 2018

Glühwürmchen

Um dich herum Menschen...ganz viele Menschen. Und trotzdem hast du deinen eigenen Raum. Junge und alte Menschen. Bekannte, Unbekannte, Liebhaber, Freundeskreise, Affären, Ehepaare, sich verliebende Menschen, sich erst kennenlernende Menschen, alles in einem und jetzt um dich herum tanzt, bewegt sich, redet....Blickkontakte, flüsternde Lippen, lachende Gesichter, leidenschaftliche Küsse.

Wie ein Fluss voller Fische. Wie ein tiefer Ozean.
Du bist der Strom.
Du bist du Welle.
Du bist eine einzelne, atmende Zelle.

Du machst die Augen zu, denn so kannst du die Musik besser wirken lassen. Du lässt den Beat dein Herz zum Beben bringen. Der Gin Tonic fließt mit einer angenehmen Wärme durch deinen Körper, entspannt deinen Rücken, lässt deine Knie etwas weich werden, lässt deine Schulter locker wirken. Gin und dieser eine Beat. Als hätten die sich an diesem Abend abgesprochen.

Wie ein elektrisierender Impuls. Wie ein Elektroschock der Gefühle.
Du bist der Klang.
Du bist das blaue Licht.
Du bist die lachende Träne auf dein Gesicht.

Du machst die Augen auf und siehst all diese Körper im Schattenriss. Wie kleine bunte Glühwürmchen, die sich im Klang der Musik durch den Raum fortbewegen. Du trägst ein Lächeln mit, denn dieser eine Moment, diese eine Sekunde in deinem Glühwürmchenleben ist einfach nur einzigartig.

Wie eine Explosion. Wie ein Feuer.
Du bist die Farbe.
Du bist das Schweben.
Du bist dein eigenes Leben!








Monday, 1 October 2018

Heart of Gold

In einem ganz normalen Kalenderjahr endet das alte Jahr und beginnt das Neue am letzten Dezembertag. Da wird man plötzlich nachdenklich, da schreibt man sich To-Do-Listen und mistet einmal seine Seele aus. Und während alle laut von 10 rückwärts zählen, denkt man an all die neuen Ziele, diese jährlichen Vorsätze und an allem was man nicht geschafft hat, in der kleinen Hoffnung, dass es dieses Jahr mal anders sein wird.

In meinem Kalenderjahr ist es der Herbst, der mich nachdenklich und melancholisch wirken lässt. Ich nenne sie so gerne die herbstlichen Gefühle, vielleicht manchmal traurig, vielleicht manchmal verlangsamt und vielleicht auch manchmal still. Es sind aber die Art von Gefühle und Gedanken, die du gerne mit auf einer Tasse warmen Tee mitnimmst, denen du Karottenkuchen backst und denen du ab und zu doch die Tür öffnest, denn du weißt, die sind zwar da, aber kleben nicht an dir fest. Sie befinden sich mit dir im Raum, doch gleichzeitig kannst du atmen. Sie sind da und stellen dir sehr diplomatische Fragen. Ohja, diese herbstlichen Gedanken holen sich sogar den besten Wein aus deiner Speisekammer, hocken sich auf dein Sofa und beobachten dich. Ich beobachte mich. Ich zähle von 10 rückwärts. Ich denke an das vergangene Jahr. Anstatt Frühjahrsputz gibt es das "herbstliche Ausmisten", als würden nicht nur die Blätter ihre Farbe ändern, sondern auch in dir drin ändert sich erneut etwas. 

Herbst ist die Zeit, wo du den alten Mantel aus dem Schrank rausholst, um ihn mit neuen Erinnerungen aufzufüllen. In seinen Taschen findest du die vergangene Zeit....
Herbst ist die Zeit, wo wieder Kaffee mit Zimt und Tee mit Ingwer getrunken wird. Wo deine Fingerspitzen nach Orangen- und Mandarinenschalen riechen. 

Und jetzt bist du hier, zu diesem neuen Jahresbeginn, sitzt vielleicht in ein Café und lässt die letzten Sonnenstrahlen auf dich fallen. Du bestellst keinen Frozen Latte Macchiato mehr, sondern probierst den neuen Rooibos Vanillee Tee mit Honig aus. Und während du so langsam die frische herbstliche Luft auf dich einwirken lässt, denkst du nach, was so alles seit dem letzten Herbst mit dir passiert ist. Was aus deiner To-Do-Liste geworden ist, oder ob es jetzt Zeit ist eine neue aufzuschreiben. Wie rasant manchmal das Leben an uns vorbei geht, wie schnell der neue Herbst in die Stadt gezogen ist, wie aber gleichzeitig langsam und träge manche Momente waren, wie schnell dein Herz mal geschlagen hat und auch wie weit entfernt du einmal warst. 

Du machst die Augen auf und atmest tief ein. Du spielst mit Kastanien und erinnerst dich an Kind sein. Du spazierst durch das bunte Laub und lässt deine Schuhe nass werden. Du trägst erneut deinen Mantel und öffnest für all diese schönen und manchmal auch schweren Gedanken die Tür auf.

Herbst trinkt Wein und hockt auf dein Sofa. Tagsüber gibts dann Kaffee und Tee. Herbst trägt gerne einen Mantel und kleidet sich bunt. Herbst provoziert dich und Herbst streichelt gleichzeitig auch dein Gesicht. Herbst duftet nach Mandarinen und Zimt. Herbst ist ein melancholischer Poet, der sich gerne in dein Herz eingravieren lässt.
Herbst packt dich an die Hand....Herbst klingt nach Neil Young &"Heart of Gold"....


Saturday, 28 July 2018

Fahrradfahrt


Es ist ein später Abend an einem heißen Sommertag. Manche sitzen jetzt mit einem kalten Drink am Main, Basilikum Gin-Tonic und so. Andere bereiten sich für eine lange Party Nacht. Die anderen spazieren müde und erschlagen von der Hitze durch die Stadt, andere essen Eis und andere wiederum kommen gerade aus der Arbeit raus und lassen den Abend mit Freunden ausklingen. 
Und dann gibt es noch diejenigen, die leider erst den Arbeitstag beginnen. Es sind meine ersten Nachtschichten und während andere Richtung Feierabend radeln, radele ich Richtung Krankenhaus. Am liebsten hätte ich auch ein kaltes Bier in meinem Rucksack, würde auch am Main stehen bleiben und den Sonnenuntergang genießen. Stattdessen trage ich viel Angst und Aufregung in meinem Rucksack. Die Angst hat sich mehr oder weniger mit eingepackt und ist leider mein treuer Begleiter geworden. Das Fahrradfahren tut aber gut. Die Luft am Abend ist nicht mehr so stickig, die warme Sommerbrise sticht dir nicht mehr brennend ins Gesicht, sondern fühlt sich eher wie ein mildes Streicheln über die Wangen, nach dem Motto "es wird alles gut, Kind". Ich werde immer schneller und mache ab und zu die Augen zu. Manchmal wünsche ich mir, man könnte mit geschlossenen Augen Fahrrad fahren. Man empfindet eine gewisse Leichtigkeit, ein Gefühl des " es läuft alles schon von alleine", ein Geschmack der Sorglosigkeit. Für eine halbe Sekunde mache ich die Augen zu, denn ich brauche gerade all diese Gefühle. Die Angst klammert sich jedoch um meine Schultern fest. Sie mag es nicht, wenn man die Augen zu hat, wenn sie die Kontrolle verliert, wenn sie nicht mehr tief in deinem Gehirn verankert ist. 
Je näher ich dem Ziel komme, desto wilder werden meine Gedanken. Die Angst steigt langsam aus dem Rucksack raus und setzt sich mit aufs Lenkgrad. Denn sie möchte ja ganz vorne stehen. Meine Gedanken fahren Karussell. Wenn ich jetzt einfach nur eine Sonnenblume im Feld wäre, wenn ich mich einfach umdrehe und wieder Heim fahre, wenn ich vom Fahrrad aussteige, wenn ich in einer anderen Richtung fahren würde, wenn ich zum Bahnhof ankommen würde, wenn ich in einem Zug einsteigen würde, wenn ich ganz woanders wäre, nur nicht dort, wo ich bald ankomme....Doch das Fahrrad fährt weiter, die Angst tritt mittlerweile in die Pedale, ich kann mich nicht wehren...

Es ist die gleiche Uhrzeit an der ich seit 2 Tagen ankomme. Draußen sitzt der gleiche Mann, an der gleichen Stelle, raucht eine Zigarette. Er ist krank, abgemagert, grau im Gesicht und trägt einen Schutzkittel an. Als könnte ihn dieser noch von irgendwas beschützen....Gierig zieht er an seiner Zigarette, traurig sieht er aus, resigniert, oder vielleicht auch gleichgültig, vielleicht auch ängstlich. Jeden Abend, um die gleiche Uhrzeit, die eine Zigarette, wie ein sich wiederholender Film.

Nur noch zwei Nächte und dann kann ich wieder etwas durchatmen. Dann zündet sich meine Angst auch eine Zigarette an und blickt von Weitem auf mich zu, jeden Abend, von der gleichen Stelle, bis sie sich dann wieder heimlich in meinem Rucksack verkriecht und dann plötzlich auf mein Fahrrad sitzt....Bis sie aber hoffentlich irgendwann vom Fahrrad einfach runterfällt, weil sie an ihrer Zigarette erstickt oder weil sie in den falschen Rucksack einsteigt....oder weil ich sie selbst vom Fahrrad wegstoße....