Sunday, 10 June 2018

Am Flughafen



Auch wenn ich öfters unterwegs bin und den einen oder anderen Flughafen besuche, oder noch ewig darauf warte, bis mein Flug endlich losgeht, bin ich an diesem Ort immer aufs Neue fasziniert. Denn wenn du dich ein wenig umschaust, siehst du wie viele unterschiedliche Menschen sich an dem gleichen Ort befinden wie du. Und dass ist schon mal anders als in einer Stadt, wo natürlich auch in einem Stadtzentrum zum Beispiel, Menschen unterschiedlicher Nationen an der Ampel warten, oder vor dem gleichen Brunnen wie du stehen bleiben. Was sie genau vor haben, kannst du nicht so richtig wissen. Das tust du am Flughafen natürlich auch nicht und trotzdem hat man was Gemeinsames: das Reisen, der Weg, das Ankommen, der Abschied, das Wiedersehen, die Tränen, die Liebe, die Ankunft, das Davonlaufen, das sich Wiederfinden....Denn obwohl wir alle so unterschiedliche Menschen sind, befinden wir uns doch hier, an diesem Ort und bestellen Kaffee mit Milch, kaufen ein überteuertes Wasser, ein neues Schloss für den Koffer, heben Geld ab und blicken fragend und hoffnungsvoll auf dem großen Bildschirm wo unser Flug aufgelistet ist. Und wer weiß, mit dem einen oder anderen wirst du sogar im Flieger sitzen, oder das Taxi teilen, am Gate warten, durch die Check-In Kontrolle durch gehen, nie mit einander ein Wort wechseln, aber durch einen kurzen Blickkontakt, vielleicht sogar ein Lächeln, wissen, wolang und wohin....Weit, ganz weit.

Meistens bin ich viel zu früh da, lasse mir gerne Zeit, laufe ungerne zum Gate. Setze mich hin, höre Musik und beobachte:
Eine Frau mit langen orangenen Haaren liest Haruki Murakami "Norwegian Wood"....ich denke an den gleichen Song von den Beatles.
Ein kleines Kind hockt in seinem Wagen und lässt sich hin und her schaukeln. Dabei döst es jedes Mal ein bisschen ein. Ich würde nach meinem letzten Nachtdienst auch in einer Schaukel dösen.
Am anderen Ende treffen sich wahrscheinlich  alte Freunde wieder, denn es wird gelacht, geküsst und umarmt. Ich denke, gute Freundschaft ist Medizin für die Seele.
Vor mir klappt eine gut ältere Dame ihr Macbook auf und tastet wild darauf. Stylish die Oma.
Rechts läuft ein Pärchen Hand in Hand zum nächsten Gate, ich glaube es wurde nach denen gesucht.
Vor zwei Minuten hat der Herr in grauer Hose seinen Flug verpasst, doch kein Problem, der nächste Flug hat ja noch Plätze frei.

Und wer weiß wie oft wir uns alle hier schon getroffen haben, zusammen zum Gate gelaufen, in der Schlange gestanden, auf das Boarding gewartet, vielleicht sogar die gleiche Zeitschrift durchgeblättert.

Wir machen mehr Bekanntschaften als wir denken und unsere Wege kreuzen sich öfters als man je gewusst hat. Manchmal laufen wir nur etwas blind durchs Leben, laufen fort, rennen, rennen, rennen, um nicht zu spät oder sogar nicht zu früh da zu sein. Und dann befindet man sich an diesem bunt durchmischten Ort und wenn man die Augen öffnet, hat man sogar das Gefühl, man wüsste was voneinander....
Plötzlich zieht an dir dieser eine besondere Duft vorbei und auch wenn du nichts oder niemanden beobachtest während du dich umdrehst, ist es die Erinnerung an einem Ort, einer Person, der Geschmack einer Reise und der Ton einer alt bekannten Melodie...

Tuesday, 17 October 2017

Nach einem Jahr....



Vor genau einem Jahr, an einem ebenfalls sonnigen Oktobertag, begann mein erster Arbeitstag als frisch gebackene Assistenzärztin. Ich kann mich erinnern wie groß meine Angst am ersten Tag war, wie ich mich klein wie eine Ameise fühlte und wo ich nicht wusste wohin mit mir. Die tausend Fragen ob es das Richtige wäre, die Hoffnung, dass alles bald verständlicher sein wird und der Wunsch im neuen Beruf voran zu kommen. Ein komplettes Labyrinth im wahrsten Sinne des Wortes. Ich erinnere mich immer noch an Herr G., mein erster Patient, den ich alleine von Kopf bis Fuß betreuen durfte. Wie ich mir damals noch Zeit ließ, denn na ja, ich hatte ja im Moment nur einen richtigen Patienten. Wie er sich bei Entlassung nach zwei Wochen mit einem kleinen lilla Blumentopf "für die ihm gewidmete" Zeit bedankte. Die Zeit....gerne, Herr G. Was er wohl so macht?

Mittlerweile ist ein Jahr vergangen und habe alles andere außer....Zeit. Wie es natürlich in einem Maximalversorgungshaus auch so ist, betreue ich natürlich nicht nur einen Patienten, sondern mindestens 10. Mein Limit von 17 habe ich bis jetzt noch nicht überschritten, aber ich weiß, dass so ein Tag jederZEIT kommen kann. Jeder Morgen ist ein ständiger Kampf gegen die Zeit. Die rast mit einer unglaublichen Geschwindigkeit und so sehr ich mich beeile ihr hinterher zu rennen....meine Kondition wird trotz täglicher Übung nicht besser. Denn die Zeit wird schneller und die Patientenversorgung mehr und intensiver. Natürlich habe ich mir das aussucht und natürlich war es mir klar, dass ich kein Kaffeekränzchen mit den Leuten halten werde. Doch diese tickende Uhr, die einzuhaltenden Termine, der große Knall zur Mittagszeit wo du anstatt an einem Mittagessen eher an die Halbzeit denkst, geben mir zumindest oft das Gefühl mich in einem Hamsterrad zu befinden. Oh ja, und wie ich zu rennen gelernt habe. Für lange Geschichten und viel Leid, habe ich, so sehr ich mir das manchmal wünsche keine Zeit. Symptomorientiert, kompakt und effizient. Hauptsache schnell, doch gleichzeitig präzise, Hauptsache heute, doch gleichzeitig schon gestern fertig. Hauptsache es geht schnell.....denn es kommt noch schneller auf dich zu. Und so rase ich den Flur entlang, schiebe den schweren Wagen mit all den Akten um mich herum und frage mich die ganze Zeit, was weiß ich so von diesen Menschen, außer, dass der Blutdruck bei Frau H. unglaublich hoch ist und dass Herr B. seit drei Tagen kein Stuhlgang hat. Und natürlich weiß ich alles über das Brennen beim Wasserlassen bei Frau M. und dass mittlerweile bei Herr. A die niedrige Thrombozytenzahl sein zweiter Vorname ist. Ich kenne Zahlen, ich kenne Fakten, ich kenne Gewichte, Größen, ich kenne die Ausfuhr, ich kenne die unterschiedlichsten Darmgeräusche, doch was weiß ich am Ende von all den Menschen, die sich hinter diesen Parameter verstecken. Erschreckenderweise oft gar nichts. Du?
Tic-tac klopft die Uhr hinter meinem Ohr. Aussagen wie "ich komme später nochmals vorbei", "wir sprechen uns morgen nochmal", "fokkussieren wir uns jetzt mal auf diesem einen Fleck", heißt am Ende übersetzt, "tschüss, bis zur nächsten Visite", "sorry, aber in einer Stunde ist Anmeldeschluss", "reden wir morgen darüber". Natürlich ist mir bewusst, dass eine gewisse Struktur, Zeit und Regularität ihren Sinn und Zweck in diesem Beruf erfüllt. Sonst würden wir noch übermorgen da hocken und über das steigende CRP nachdenken.
Was sich in diesem einen Jahr gesammelt hat, muss ich offen gestehen, ist auch viel Frust und eine gewisse Traurigkeit. Dass wir mit unserem Beruf nicht in einer rosa Welt mit rosa Menschen arbeiten, oh, dass war mir schon immer bewusst. Doch, wenn man glaubt, man wisse während des Studiums und sogar während des Praktischen Jahres, was auf einem ganz GENAU zukommt, dass ist meiner Meinung nach ein großer Irrtum. Denn am Ende gabs ja nie die Zeit. Du bist nicht nur mit unglaublichen Schicksalen, total chaotischem System und Maschinen konfrontiert, sondern du bist in erster Linie mit dich selbst konfrontiert. Mit dir, deiner menschlichen und maschinellen Seite und nicht zuletzt....der Zeit.
h
Doch genug der Jammerei. Denn in diesem einen Jahr habe ich noch vieles mehr dazu gelernt. Ich kann zwar immer noch keinen ordentlichen Ultraschall machen, aber ich erkenne die Trauer im Gesicht der Patienten. Ich werde selbst tachykard wenn ich ein EKG schnell schreiben muss, aber ich bin dankbar für die Freude eines am Leben erhaltendem Menschen. Ich muss immer wieder Dosierungen nachschlagen, aber ich habe Schicksale erlebt, die in keinem Medizinbuch geschildert sind. Ich suche immer noch den einen Mentor auf dem Weg meiner Ausbildung, doch dabei habe ich schon so vieles entdeckt. Dass der Mensch ein unglaublich komplizierter, anstrengender, nerviger, dementer, nicht mehr auszuhaltender und gleichzeitig, oh so spannender, wunderschöner und motivierender Organismus ist. Dass Menschen viel Leid ertragen können und viel, viel mutiger sind als du. Dass "wenn ich noch meinen Humor verlieren würde", laut Frau S. im palliativen Stadium, "dann was bleibt mir noch übrig....?"
Ja, was bleibt dir denn noch übrig? Klar, es gibt ein großes Problem im Gesundheitssystem, alles ohne Logik. Doch zumindest gibt es eins. Es sind so viele Lücken und so viele Frustgelegenheiten an jeder Ecke, dass man am liebsten gleich irgendwo Obst verkaufen würde. Es gibt dieses nagende Gefühl im Herzen und das Gefühl, das eigene Gehirn verstumpft und verbrennt von Innen. Und es gibt immer noch dieses Rad....und die Zeit.

Es bleibt nichts anderes übrig, als seinen eignen Sinusrhythmus herzustellen. Manchmal rasend, manchmal tachykard doch auch manchmal langsam, träge, bradykard....Ein Rhythmus wo die angegebene Zeit selbst im Hamsterrad läuft, denn heute lernst du mehr als nur die Zahlen...
Realistisch? Machbar? Anwendbar? Das weiß ich noch nicht, denn ich bin ja noch, wie die meisten sagen, jung und am Anfang, motiviert und voller Lebenslust. Oder soll ich es eher Frust nennen? Und während das Telefon im Dienst für mich wie das "One ticket to hell" klingt, versuche ich in allen Ecken dieses Hauses und dieses Systems noch den Blutdruck des Optimismus und der Hoffnung einzustellen. Ab und zu mal raus aus diesem Rad. Hallo Mensch! Denn wie man so gerne sagt...."wie wunderschön wär'...."

Monday, 11 September 2017

Alter weiser Mann



Die Jahreszeit Herbst ist für mich eine Zeit voller Erinnerungen. Es ist die Zeit des Neustarts. Der Herbst ist wie ein weiser, alter Mann mit langem vollen Bart und mit einem schweren Mantel, gestickt mit bunten Blätter. Er spaziert langsam durch die Straßen und trägt eine Tasche voller Kastanien. Er ist wie ein Buch voller Gesichten. Deine Gesichten. Meine Gesichten. 

Der Herbst erinnert mich an die Spaziergänge mit Oma durch Hermannstadt, Hand in Hand, den Opa auf der Arbeit besuchen.  Das Haus der Großeltern befand sich in einer langen Straße mit Kastanien- und Nussbäume geschmückt. Im Herbst, eine wahre Farbenpracht.

Der Herbst erinnert mich an den ersten Schultag, wo ich mich in meine Bank gesetzt habe, in der dritten Reihe und ich meine Buntstifte vorbereitete. Wie ich mit großen neugierigen Augen meine Lehrerin beobachtete. Und wie jeder Herbstbeginn ein neues Schuljahr bedeutete. Ein Jahr älter, ein Jahr weiter.

Im Herbst habe ich angefangen Journalismus für ein Jahr zu studieren. In September vor 9 Jahren habe ich zum ersten Mal Bekanntschaft mit Wien gemacht. Die Uni Wien hat einen wunderschönen Innenhof, wo man sich in seiner Lektüre vertiefen konnte. Ich wohnte damals neben dem Prater Park, wo ich morgens um 7 Uhr joggen war. Ich liebte die frische kalte Herbstluft, die mir das Gefühl gab meine Lunge zu säubern und mein Gehirn auf Null zu schalten. Manchmal frage ich mich immer noch wie ich so früh aufstehen konnte.

Ebenfalls im Herbst, ein Jahr später, habe ich mein Medizinstudium begonnen. Ich entdeckte die Stadt Frankfurt, die mir am Anfang ganz und gar nicht gefallen hat. Doch dann verliebte ich mich in die Appelsgasse in Bockenheim, die ruhig und gepflastert war. So kam es, dass ich die nächsten 7 Jahre in Bockenheim verbringen werde.

Im Herbst vor 4 Jahren ging ich für ein Auslandssemester nach Prag. Die Stadt in der sich viele Freundschaften geknüpft haben und die Stadt wo ich ein Teil von mir wieder gefunden hab. Eigentlich die einzig beste Zeit meines Studiums.

Im Herbst vor genau einem Jahr habe ich mich in die Stadt Valencia verliebt. Sie hat mich mit offenen Armen aufgefangen und mich Ruhe und Gelassenheit gelehrt. Es ist die Stadt, wo ich das Fahrrad Fahren einfach nur noch genieße und wo der Weg zum Meer der Weg zu mir selbst ist.

Letzten Herbst habe ich meine erste Arbeitsstelle angetreten. Das war definitiv ein harter und anstrengender Herbst. Alles neu, alles viel und gefühlt alles in einer anderen Sprache. Es war ein Herbst der großen Herausforderungen und des Durchhaltens. Ein Herbst abends voller Tränen und morgens voller Hoffnung.

Nicht zuletzt hat mir der alte Herbst die Liebe und Freundschaft vorgestellt. Ein wunderschöner Oktobermorgen mit einem guten Kaffee und ein langes, gefühlsreiches Gespräch. Geschickt hat es der Herbst angestellt, schlau wie ein Fuchs und weise wie ein Greis. Ein Lächeln, ein Händedruck, eine Umarmung, der Kuss.

Der Herbst ist ein großes, endloses Buch. Und auch dieses Mal schreibe ich meine Geschichte. Und du?

Sunday, 3 September 2017

Was suchst du? Was willst du?



Sie sehnt sich nach Luft
September....ein herbstlicher Duft.
Sie schreit nach Leben
Ihr Körper ist ein kontinuierliches Beben.
Sehnsucht...
Das Gehirn tobt sich wild durch die Nacht
Es sucht nach Fragen und Antworten...
Eine ewige Schlacht.
Das Herz flackert ganz scheu
Es ist ihr immer treu.
Sehnsucht...
Ihr Blick verliert sich in die weltliche Ferne
Was suchst du? Was willst du?
Sehnsucht.....
Ihre Hand ergreift zwei Sterne.
Sie rennt und rennt und wird schneller als der Wind
Sie bleibt plötzlich stehen...atme....sei ruhig mein Kind.
Was suchst du? Was willst du?
Sehnsucht...
Sie tanzt auf tonlose musikalische Noten
Sie klammert an dir fest...wie ein Knoten.
Was suchst du? Was willst du?
Sehnsucht...
Wie ein vergangener Mandarinenduft
Wie die Symphonie der Lebensfrucht
Wie das Rauschen von Wellen im Sand
Wie mein Herz in deiner Hand
Wie der Mond und die Sonne am Himmel
Wie die Stimmen deines Lebens klingen...

Was suchst du? Was willst du?
Sehnsucht...


Sunday, 27 August 2017

Sonntag


Sonntag: Eigentlich wolltest du heute ausschlafen, denn du hast endlich mal frei. Doch Punkt 8 Uhr morgens machst du deine müden Augen auf. Die ersten Sonnenstrahlen trauen sich noch nicht so richtig in dein Zimmer reinzukommen. Was soll's, weiter schlafen bringt jetzt auch nichts mehr.

Sonntag: Du kochst dir deinen Lieblingstee: Grüner Tee mit Zitrone und schlürfst langsam daran. Du bleibst lange im Pyjama, denn jetzt hast du Zeit. Später kochst du dir noch einen Tee. Du lauschst in der Wohnung, niemand zu Hause. Du öffnest das Fenster und lauschst, niemand auf der Straße. Du atmest tief ein und spürst, dass der Sommer langsam zu Ende geht. Die letzten Tage im August....

Sonntag: Du schlürfst weiter an deinem Tee und hörst gute, entspannte Musik. Deine Gedanken fliegen durch den Raum. Du denkst an die anderen Sonntage in deinem Leben. Das regelmäßige Mittagessen mit der Familie und dem selbstgebackenen Kuchen der Omas. Die sich faul ziehende Zeit durch den Raum. Alle dösen noch. Der Wecker döst, die Bäume dösen im Wind und sogar dieser weht nur noch faul vor sich hin.

Sonntag: Du fragst dich wann du das letzte mal ein gutes Buch gelesen hast. Du richtest dein Zimmer neu ein. Du bleibst weiterhin im Pyjama. Du schaust dir alte Fotoalben an. Du lächelst, denn du erinnerst dich an all die Lächeln in deinem Leben.  Du bist aber auch melancholisch, denn du hast wieder Zeit in dich hinein zu blicken....Du hast Zeit dich zu unterhalten, mit deinem Ich.....Hallo Herz, hallo Gehirn....

Sonntag: Du trinkst unglaublich viel Tee...., du lässt dein Leben ruhen.....du lässt die Gegenstände im Raum für dich sprechen...und du fängst an wieder zu genießen....dein Pyjama, dein Toast Brot mit Marmelade, den Geruch deiner Holzmöbel, das Knistern des Papiers, das Schreiben mit der Füllfeder, der Duft vom frisch gebackenem Kuchen auf dem Nachbarsflur, das Zermahlen der Kaffeebohnen...

Sonntag: Die Sonnenstrahlen überfluten jetzt dein Zimmer....