Tuesday, 7 May 2019

Sie hat viele Formen



Sie hat verschiedene Formen. Sie kann von der einen Dimension in die andere gehen. Sie kann sich verwandeln, sie kann deinen Gesichtsausdruck annehmen, sie kann genau so wie du aussehen. Sie kann selber fühlen, obwohl sie oft selber ein Gefühl ist. Sie kann lachen und oh ja, wie sie dich auch noch auslachen kann. Sie kann aber auch traurig sein und dich tief in den Boden versinken lassen. Dich fest unter deine Decke halten oder sich wie ein Käfig über dich stürzen. Ja, sie hat viele Formen und trägt viele Kleider. Wechselhaft und unerwartet. Manchmal wenn du dankst, du seist sie endlich los oder du hättest sie längst vergessen, dann ist sie prompt wieder da. Tückisch, schlau wie ein Fuchs, unberechenbar. Manchmal ist sie so präsent in dein Leben, in deinem Tagesablauf, dass sie dir den Atem wegnimmt. Sie lässt dir genau noch so viel übrig, dass du nicht komplett blau anläufst und umkippst. Sie steigert deinen Puls hoch genug, dass du das Gefühl hast, dein Blut aus deinen Gefäßen würde bald aus dir rausplatzen. Eigentlich würdest du gerne all das erleben, denn dann hätte ja alles ein Ende, dann wäre endlich Ruhe. Dann könntest du dich ausruhen. Doch nein, sie bleibt da und quält dich. Lässt dich ihrer Anwesenheit wahrnehmen und betäubt gleichzeitig all deine Sinne, dein Verstand, dein rationales Denken. Und dann bist du hilflos, du würdest doch so gerne einfach frei sein, raus aus diesem Käfig. Du hast dich noch nie so sehr nach Luft gesehnt. Du hast dir noch nie so sehr diesen einen festen Griff gewünscht, der dich hält, der dich auffängt, wenn dein Körper dann doch plötzlich nachlässt und du das Gefühl hast du zerbrichst bald in tausende von Stücke...

Die Angst hat viele Formen. Manchen steht sie verankert auf dem Herzen und erstickt es sobald es lieben und glücklich sein möchte. Manchen klammert sie sich fest an die eigene Vernunft und friert das Denken ein. Gedanken lösen sich wie Schneeflocken auf. Manchen dringt sie bis tief in die Seele ein und verharrt da für viele, viele Jahre, bis du aus deiner eigenen Paralyse nicht mehr wach werden kannst und nur noch wie automatisch gesteuert durch den Tag läufst. Manchen kann man die Angst direkt ein den Augen lesen, im stummen Hilfeschrei, im Abschiedsbrief, weil alles viel zu viel und nicht mehr auszuhalten ist. Manchen nimmt sie die Stimme weg, anderen das Atem und manch anderen die Bewegung. 

Ja, die Angst hat viele Formen. Und manchmal bleibt es dir nichts anderes übrig, als für einige Sekunde die Augen zu schließen, aus einer Tasse Tee schlürfen und hoffen, dass auf einer unerklärlichen Art und Weise du zu deinem eigenen Halt wirst, dich auffangen kannst, das rechte Bein vor dem linken stellst und anfängst dich fortzubewegen. Hoffen, dass du von irgendwo die Kraft holst deinem Herzen zu sagen, dass es nicht alleine ist, deiner Vernunft, dass sie dich nicht verlassen soll und deiner Angst....tja, dass sie mal eine Tasse Tee trinken sollte....

Friday, 22 March 2019

Die Schaukel



Es gibt im Park nebenan eine Schaukel, die ich sehr mag. Sie ist eine Art Sessel und wenn man sich da reinfallen lässt, liegt man und schwingt man vor sich hin, als wärest du auf dem fliegenden Teppich. Der Blick ist nach oben gerichtet, zum Himmel. Heute trägt er endlich mal wieder ein schönes Blau, mit weißem, wolkigem Muster. Weit hinter dem Himmel, die Nachmittagssonnenstrahlen, die aus dem langen Winterschlaf rauskommen. Ich habe das Gefühl, dass wir alle aus einer Art Winterschlaf rauskommen müssen. Oder es zumindest versuchen. Vor dem blauen Himmel, zwei große Bäume mit vollen, grünen Blättern. Und bald werden die ersten Blüten zu sehen sein. Ich schwinge nur sehr leicht in der Schaukel. Ich mag keine Geschwindigkeit...
Und als ich weit weg in meiner Musik und Traumwelt vertieft war, kommen drei kleine Mädchen zu mir, die schon die ganze Zeit auf dem Spielplatz wie kleine Rehe hin und her sprangen und lachten. Die eine mit langen blonden Haaren und einer Brille fragt mich höflich, ob sie mitschaukeln dürften und bevor ich noch was sagen kann, springt das andere Mädchen mit einem geflochtenem Zopf, einer pinken Brille und einem leicht schielendem Blick zu mir in den Schaukelsessel. Sie erinnert mich.....an mich.... Das dritte Mädchen, die mir gleich erzählt sie sei 5 Jahre alt und werde diesen Sommer 6 möchte sozusagen die Schaukel bedienen und uns anstoßen. Ich steige aus, denn so viel Kraft, kann das zierliche Mädchen nicht haben und lass sie zu dritt ein bisschen schaukeln. Am Ende bleibt mein "früheres Ich" drauf und schwingt mit immer höherer Geschwindigkeit hin und her. Sie lacht und ist glücklich und während mein Herz sich zusammenzieht, weil ich selber bei der Geschwindigkeit Angst habe, sie könne hinfallen, oder oh Gott, was wenn die Schaukel nachlässt, fordert sie ihre Freundinnen auf, sie schneller anzustoßen. Ihr Gesicht, ihre Haare, ihre Brille und das lustige Schielen erinnern mich an das 5-jährige Ich. Der Unterschied ist, dass ich auch damals Angst vor dem zu wilden Schaukeln hatte. Während andere Kinder schreiend und mit den Beinen in die Luft fast ein Salto mit der Schaukel gemacht hatten, bin ich lieber in der Geschwindigkeit geblieben, wo ich noch mit den Füßen zu Boden kommen konnte, wo ich noch Bremsen konnte. Daran kann ich mich erinnern....und die Angst hatte ich mitgenommen. Während ich die lachenden Mädchen anschaute, die mich längst nicht mehr beachteten, versuchte ich mich an meine Kindheit zu erinnern. Immer wieder wird man gefragt, wie man so als Kind war, glücklich, traurig? Man erinnert sich natürlich an Gewalt oder Schläge, man erinnert sich an schwere Schicksale. Aber erinnert man sich so richtig wie man eigentlich war? Wann hatten sich denn die ersten Charakterzüge entwickelt? Wann gestaltete sich meine Persönlichkeit. Wann wurde denn "entschieden" ob ich jetzt ein braves, unglückliches, glückliches oder ängstliches Kind sei?
Mein "früheres Ich" blickte mir noch einmal ins Gesicht und gab mir zu verstehen, sie würde jetzt bald springen. Mein Herz pochte. Ich ging paar Schritte auf sie zu und fragte, soll ich die Schaukel anhalten? Nein, antwortete sie lachend und sprang! Ohne Angst, ohne Furcht, ohne Grübeln....Sie sprang und lief zu ihren anderen Freundinnen, die mir ab und zu einen versöhnenden Blick zuwarfen.

Ich setzte mich wieder in den Schaukelsessel rein und schwingte nur ganz langsam hin und her. Denn die Angst war weiterhin da. Ich blickte zum Himmel und ließ die Sonne auf mein Gesicht fallen. Ab und zu hörte ich die Mädchen kichern und herumlaufen. Ich hörte mein früheres Ich noch lauter lachen und dachte wo zwischen 5 und 29 Jahren ist diese Leichtigkeit verloren gegangen und wann kam die Angst, die so oft mit mir schaukeln wollte...?

Tuesday, 12 March 2019

Der verlorene Handschuh

Auf dem Weg nach Hause, bei der Nummer 52, hängt am Zaun, ein hellrosa Handschuh. Eigentlich hängt er nicht so richtig, sondern sitzt ganz stolz, in einer Linie mit den anderen spitzen Zaunfiguren. Eigentlich weiß ich auch nicht so richtig wie ich am besten die Position von diesem Handschuh beschreiben soll. Fakt ist, dass obwohl er so eine Blässe im "Gesicht" besitzt, an sich eher eine unauffällige Farbe, er mich in seiner "Handbewegung" zum Stehen bringt. Aus meinen tiefen und träumerischen Gedanken herausreißt. Und obwohl der Handschuh, am Wegrand 52 am liebsten laut "Stopp" schreien möchte, musste ich nur denken....wann und wie bist du denn verloren gegangen? Oder hat dich jemand an einer anderen Nummer, vielleicht an der 50 auf dem Boden liegend gefunden, dich aufgehoben und dich zur Sicht auf den Zaun platziert? Wem gehörst du?  Wer bist du? Wer hat diesen Winter oder vielleicht auch alle davor dich zum Aufwärmen genommen? Welche Geschichten tragen die müden Hände in sich? Oder waren es Kinderhände, deren Leben erst zu erzählen begann? Wo wurdest du überall mitgenommen? Wo bist du eigentlich entstanden? Warst du ein Geschenk? Ah du verlorener Handschuh, noch wichtiger....wo ist denn die rechte oder linke Hand?
Ich schaue mich um. Kein zweiter Handschuh zu sehen.

Es gibt vielleicht Tage, an denen du dich ebenfalls wie ein verlorener Handschuh fühlst. An denen du stehen bleibst, und dich an einem Zaun festklammerst oder sogar versuchst hochzuklettern. Um eine bessere Sicht zu haben. Um dein Verlorengehen besser betrachten zu können.

Es gibt vielleicht Tage, an denen du dann nur noch warten kannst, weil du erst später realisierst, dass du Höhenangst hast und auch von dieser Schutzwand nicht mehr runter kommen kannst. Was dir übrig bleibt, ist das Warten und Beobachten und das Hoffen, dass du da irgendwann runter kommst, oder abgeholt wirst...

Und dann gibt es vielleicht auch diese Tage, wo du es satt hast ein verlorener Handschuh zu sein. Wo du genug versucht hast, die Vorbeilaufenden zum Stehen zu bringen. Wo du dann einfach runterspringst und bemerkst, dass du sogar als Handschuh laufen kannst....


Wednesday, 30 January 2019

Die Lichterkette




Ich habe mir letztens eine Lichterkette gekauft. Denn ich wollte, dass mein neues Zuhause leuchtet und leicht glitzert. Lichter verbreiten meistens ein gemütliches Gefühl, die leuchtende Hoffnung oder auch Trost. Während ich die lange Lichterkette aus der Packung rausholte, merkte ich, dass etwas Arbeit auf mich zukommen wird, denn obwohl schön verpackt, war die ganze Kette, mit ihren kleinen Lichter und Drähten ein einzig großer Knoten. Und so fing ich an diese Lichterkette mit angeblich viel Geduld zu entknoten....Dabei musste ich gleichzeitig an zwei Sachen denken, zum einen wie sehr unser Leben manchmal einem festen Knoten ähnelt, bzw. wieviele Knoten wir tagtäglich erleben und zum anderen wie wenig Geduld ich eigentlich besaß....

Wir bleiben manchmal auf unserem Weg durch die Welt hängen. Wie eine Spinne im Netz. Vor uns, ein riesiger Knäuel, den wir auflösen müssen. Wie ein Puzzle, oder ein großes Rätsel. Manchmal tun wir uns Menschen, sehr schwer damit. Denn der Knoten ist manchmal viel zu fest gebunden. Der wurde entweder von uns, in einer früheren Zeit ganz fest zugemacht, oder er ließ sich von alleine festbinden, ganz heimlich, ohne das wir je was bemerkt hätten. Und da stehen wir manchmal an jenem Punkt im Leben, wo wir mit sehr viel Geduld anfangen müssen diesen dicken Bund an Gedanken und Gefühle aufzuschnüren. Und anstatt dass wir das alles leicht und geschmeidig hinbekommen und sozusagen die Lösung finden, knoten wir uns tiefer ein. Ja, wir selber schnüren den Faden fester um uns rum, fest um unser Herz, damit es je nicht zu viel fühlen kann, weil sonst die Gefahr der Verletzung und Enttäuschung besteht, fest um unser Gehirn, damit wir je nicht all zu viel denken und riskieren müssen, fest um unsere Lunge, damit wir je nicht zu tief Luft holen und den Sprung nach vorne zu wagen. Danach, nachdem alles fest gebunden ist, merken wir nach einiger Zeit, dass wir doch wieder alles etwas lockerer lassen müssen. Dass der Knoten im Leben erstickt und nur ein großes Hindernis ist. Das dieses Bündel an Energie vor dem Platzen droht, sobald es nicht endlich mal abgebunden ist, erlöst, aufgesperrt, endlich mal zugänglich. Und dann fangen wir an, langsam und mit viel Geduld und Motivation dieses ganze Geknäuel aufzuwinden. Es dauert und es ist müsig. Wir bleiben da drin stecken und kommen manchmal nicht voran. Wir fluchen, wir werfen es beiseite, wir fangen wieder an, wir schreien, wir atmen tief durch, wir koppeln und schneiden ab, wir sprengen, wir klappen und wir drücken auf...

Und irgendwann ist man endlich befreit. Man hat die Lösung, der Weg ist wieder gerade, man hat eine klare Sicht, man kann gut in sich hinein blicken und man kommt leichter voran. Es gibt keine Hindernisse, keine Umwege, keine Berge, die man klettern muss, es fühlt sich alles leicht wie ein Wasserfall. Ein perfekter Faden...

Doch egal was man macht, der Knoten gehört dazu. Immer wieder wird sich unser Leben ineinander verwickeln. Immer wieder werden sich Ängste, Liebe, Wut, Trauer und Hoffnung ineinander verflechten. Immer wieder werden wir in uns tief reinwühlen müssen um uns von unseren verknoteten Schichten loszubinden...


Immer mal wieder, wirst du da mit einer Lichterkette in den Händen stehen und so lange geduldig den Knoten auflösen bis du am Ende nur ein klares Lichtlein bist...


Sunday, 28 October 2018

Glühwürmchen

Um dich herum Menschen...ganz viele Menschen. Und trotzdem hast du deinen eigenen Raum. Junge und alte Menschen. Bekannte, Unbekannte, Liebhaber, Freundeskreise, Affären, Ehepaare, sich verliebende Menschen, sich erst kennenlernende Menschen, alles in einem und jetzt um dich herum tanzt, bewegt sich, redet....Blickkontakte, flüsternde Lippen, lachende Gesichter, leidenschaftliche Küsse.

Wie ein Fluss voller Fische. Wie ein tiefer Ozean.
Du bist der Strom.
Du bist du Welle.
Du bist eine einzelne, atmende Zelle.

Du machst die Augen zu, denn so kannst du die Musik besser wirken lassen. Du lässt den Beat dein Herz zum Beben bringen. Der Gin Tonic fließt mit einer angenehmen Wärme durch deinen Körper, entspannt deinen Rücken, lässt deine Knie etwas weich werden, lässt deine Schulter locker wirken. Gin und dieser eine Beat. Als hätten die sich an diesem Abend abgesprochen.

Wie ein elektrisierender Impuls. Wie ein Elektroschock der Gefühle.
Du bist der Klang.
Du bist das blaue Licht.
Du bist die lachende Träne auf dein Gesicht.

Du machst die Augen auf und siehst all diese Körper im Schattenriss. Wie kleine bunte Glühwürmchen, die sich im Klang der Musik durch den Raum fortbewegen. Du trägst ein Lächeln mit, denn dieser eine Moment, diese eine Sekunde in deinem Glühwürmchenleben ist einfach nur einzigartig.

Wie eine Explosion. Wie ein Feuer.
Du bist die Farbe.
Du bist das Schweben.
Du bist dein eigenes Leben!