Thursday, 11 December 2014

Bahnfahrt



Ich steige in die Bahn ein und suche mir ein Plätzchen irgendwo am Fenster. Die Bahn kommt langsam ins Rollen und ich bin ganz müde. Ich schaue zum Fenster raus und sehe plötzlich wie mich diese Bahn durch mein ganzes Leben mitnimmt. Als wäre unser ganzes Leben eine ständige Bahnfahrt. Wir alle steigen ein, fahren, bleiben stehen, steigen wieder aus usw. Und so wiederholt sich jede Reise und kommen an verschiedene Orte und an verschiedene Abschnitte unseres Lebens an. Manchmal bleiben wir lange an einem Ort stehen und verweilen da. Manchmal ziehen wir gleich wieder weg und andere Male wissen wir nicht wohin mit uns. Milan Kundera meinte in eines seiner Romane : "Wer den Ort verlassen will, an dem er lebt, der ist nicht glücklich." Ist es auch so? Sind wir alle immer unglücklich wenn wir weiter ziehen? Vielleicht. Ich weiß es nicht. Die Bahn fährt und hält auch in regelmäßigen Abständen an. Ich bleibe sitzen, denn meine Fahrt dauert noch. Außerdem bin ich so unglaublich müde um mich zu bewegen. Ich blicke erneut durch die dunkle Glasscheibe und da sehe ich all die Orte an denen ich mal war, die Städte wo ich gewohnt hab, die Länder, die ich durchforscht hab. Immer wieder eine neue Heimat, immer wieder Koffer packen und von Neuem anfangen....oder vielleicht auch weiter machen, ja, weiter leben. Ich musste mich dann plötzlich fragen, wo ist denn jetzt meine eigentliche Heimat? Welcher ist der Ort, wo ich meine ersten Wurzeln entfalten werde, wo ich mich fest verankern kann, wo ich sagen kann: jetzt möchte ich hier für eine gute Weile ruhen. Zuhause, in meiner beliebten Heimat fahre ich mehr oder weniger als Gast hin. Ich muss dafür einen Koffer packen. Ich schlafe als Erwachsener in einem Kinderbett, das vor langer Zeit einem Mädchen gehörte mit einem lachenden Mondgesicht und einer runden Brille auf der Nase. Wo ist sie jetzt wohl? Wo ist sie geblieben? Außerdem bleibe ich wie jeder Gast nur paar Tage und danach, danach heißt es wieder Koffer packen. Ist es dann Frankfurt, die Stadt meiner Studienzeit, die Heimat? Oder vielleicht Wien, wo ich mit 18 zum ersten Mal die Welt erkundigt hab? Oder ist es wohl Prag, die Stadt, die mein ganzes Leben ändern sollte? Was hält mich denn wo fest? Ich erschrecke beim Gedanken, dass mich an keiner dieser Orte etwas fest hält. In dieser mobilen Zeit sind wir alle unterwegs. Ja, auch die Eltern sind ganz oft weg. Freunde verteilen sich, suchen ihre eigenen Wege, steigen in verschiedene Bahnen ein. Und ich? Nicht festgehalten zu sein....Ein Gedanke der Freiheit und der Autonomie....und gleichzeitig ein Gefühl des Alleineseins. 

Ja, wir sind Reisende in unserer eigenen Welt.  Wir steigen ein und aus. Wir fahren los und bleiben stehen. Wir laufen davon und wir verweilen für Stunden an einem Ort. Wir ziehen ständig fort oder versinken in den eigenen vier Wänden. 

Die Bahn fährt. Ich blicke erneut zum Fenster heraus. Ich sehe ein verschwommenes Gesicht in einer grauen Jacke.  Wer bist du? Und...wo steigst du aus?

No comments: