Monday, 6 July 2015

Die Bewegung des Moments




Es ist heiß. Sehr heiß sogar. Du hast das Gefühl, dass du dich in einem Kessel befindest. Alles nur Glut und Flamme. Verbrennen tut sich aber witzigerweise keiner. Wir bewegen uns fort. Langsam schlendere ich die überfüllten Straßen der Innenstadt entlang. Trotz der Hitze fühle ich dabei eine gewisse Leichtigkeit. Komisches Gefühl in einer noch komischeren Situation. Mein Kopf ist müde, ich wäre beinahe in der Straßenbahn eingeschlafen, doch gleichzeitig bleibe ich in Bewegung. Wir alle bleiben irgendwie in Bewegung. Plötzlich feuert mein Gehirn bestimmte Signale auf. Meine Nervenzellen kommen in Schwung und meine Geschmacksknospen schreien nur noch nach einem großen, kühlen Eis. Hastig mache ich mir durch die Menschenmasse Platz, denn ich weiß auch genau wo ich hinmöchte. Meine Rezeptoren im Körper wissen schon welche Eissorte sie nun gebrauchen. Es wird dunkle Schokolade mit Blaubeereis sein. Natürlich in der Waffel. Damit es auch schön knuspert. Für mich gibt es keine bessere Eiskombination als die bittere Schokolade mit dem leicht süßlichen Geschmack einer Frucht. Von der Zunge bis in die Zehenspitze fühle ich wie sich mein Körper langsam abkühlt, wie er diese kulinarische Frische voller Freude aufnimmt. Ich befinde mich am Liebfrauenberg - Platz, besser gesagt, ich setze mich auf einem heißen Stein vor dem Brunnen. Ah du weißt nicht wo das genau ist? Bis heute wusste ich auch nie genau, was alles an diesem Platz so ist. Unglaublich, wieviele Jahre man einfach an Orte und Plätze nur vorbei läuft. Ohne den Blick zu heben, ohne zu ruhen, wie ein Schatten, wie ein Zug im Bahnhof. Ja, viel zu oft laufen wir so an Orte vorbei....und das traurige ist, dass wir auch viel zu oft genau so an Menschen vorbei laufen....

Nun sitze ich da, an diesem mir neu entdeckten Ort und beobachte diese ganze Bewegung des Moments. Eine Frau kommt zu mir und fragt mich, während ich gierig an meinem Eis esse, ob mich der Rauch stören würde. Ich gucke sie erstmals ziemlich verwirrt an, denn wer kommt schon so oft dich aus heiterem Himmel fragen ob dich "der Rauch" stört. Da ich noch unfähig bin zu antworten, fragt sie mich gleich ob ich eigentlich rauche und ob mich "der Rauch" (der noch nirgends zu sehen oder zu riechen war) störe. Bevor ich noch eine ordentliche Antwort geben kann, entfernt sie sich lächelnd von mir, setzt sich auf einem anderen Stein vor dem Brunnen und zündet sich eine Zigarette an. Interessant. Plötzlich höre ich hinter mir ein Plantschen. Ein Mann hat sich die Schuhe ausgezogen und ist ins Wasser gesprungen. Kein Wunder auf dieser Hitze. Nachdem sich der Herr die Fußzehen erfrischt hat, setzt er sich auf den Brunnenrand, nimmt einen sehr nachdenklichen Blick  auf und zündet sich eine Zigarette, oder vielleicht ein Joint. Denn nach paar guten Zügen, ist er schon ziemlich tiefenentspannt und brummt irgend was vor sich hin. So sitzt er da, auf dem Brunnenrand. Mit dem Blick ins Wasser, mit den Gedanken vernebelt. So sitze ich da, auf diesem Brunnenstein, mit dem Blick auf diese Welt, mit den Gedanken schwebend. Mein Eis nähert sich dem Ende. Wäre auch längst Zeit, denn mein Zuckerspiegel schießt schon ganz schön in die Höhe. Eine Frau lässt sich von ihrem Mann fotografieren. Neben ihr, der Müllcontainer. Für mich ist das unverständlich. Sieht sie denn nicht, dass ein Mülleimer mit aufs Foto kommt, als wäre er ein Reiseobjekt?? Aber vielleicht will sie das auch, oder es ist ihr einfach egal. Hauptsache sie hat auf diesem Platz ein Foto. Ja, ein Platz voller Bewegung, ein Platz voller Rätsel und Wiedersprüche. Und irgendwie genieße ich dieses komplette Durcheinander, dieses Bild einer rauchenden Frau auf einem Stein, eines halb nackten Mannes im Wasser, eines Touristen verloren in dieser Stadt, eines Ichs auf einem anderen Stein mit  zwei Kugeln Eis in der Hand....das Bild einer Welt, die nie aufhört mich zu überraschen.


Kauf dir nächstes mal auch ein Eis, setz dich auf einem Stein und knüpfe dir dieses Puzzle zusammen, halte den Moment fest. Am Ende macht das ganze Bild gar keinen Sinn und trotzdem wirst du lachen müssen, mit einem glücklichen Gefühl aufstehen und voller Leichtigkeit dich in dieser paradoxen Welt weiter bewegen.

No comments: