Sunday, 18 October 2015

Begegnung in der Luft

Ich sitze am Fenster und warte darauf, dass wir aus Budapest los fliegen. Der Sitz rechts von mir, in der  Mitte, ist frei. Gut so, denk ich, dann hab ich auch mehr Platz. Doch ehe ich mich umsehe, kommt ein älterer Herr, lagert seinen Rucksack im kleinen Kofferraum und mit einem tiefen Seufzer, weil er ja in der Mitte seinen Platz hat, setzt er sich neben mir. Er lächelt mir zu und spricht mich direkt auf ungarisch an. Ich lächele zurück und dann merkt er auch schnell, dass ich eigentlich nichts verstehe. Ehe ich was sagen kann, fängt er an auf deutsch zu reden und ab dem Moment beginnt auch unser fast zweistündiges Gespräch in der Luft. Neben mir sitzt Janos Berta, ein Schriftsteller ungarischer Herkunft, der aber seit über 30 Jahre in Deutschland lebt und zwar in Worms. Ich gestehe ihm, dass ich von ihm bis jetzt nicht gehört hab, doch das stört ihn gar nicht, er erzählt lächelnd weiter über sein Buch "Auf den Spuren von Piroschka und Hugo Hartung", über seine Ideen, seine Gedanken und seine Projekte. Ein sehr interessanter und sympathischer Herr. Wir erzählen über Ungarn und Rumänien, über das Leben in Deutschland, über die verschiedenen Kulturen, über die Vergangenheit und über die Zukunft. Wir reden mit einer Leichtigkeit und Vertrautheit, die man nicht all zu oft bei einer neuen, fremden Begegnung erleben kann. Wir reden über Gott und die Welt, über Literatur und meinen Wunsch auch irgendwann mal ein Buch zu schreiben. Hemingway, Thomas Mann und Dante sind seine Lieblingsschriftsteller. "Bitte lesen sie Der alte Mann und das Meer", sagt er plötzlich zu mir, "und schreiben sie mir danach, was sie darüber denken."  Irgendwann reden wir auch über die Liebe, über Briefe, die keiner mehr schreibt, über Blumen, die niemand mehr schenkt. Er erzählt mir über seine erste Jugendliebe und seinen ersten Kummer, damals als er 20 Jahre alt war. Es ist als würde er zurück in die Vergangenheit fliegen und ich höre ihm mit großen Augen zu. "Ja, damals als die Liebe so viel zärtlicher war", meinte er. Damals als das Mädchen seiner Träume seine Hand fest in ihre Hand hielt und er dann alles wusste. Er hat sie nie wieder gesehen und möchte das auch nicht. "Wissen sie, ich möchte mit dieser schönen Erinnerung bleiben. Mehr möchte ich auch nicht wissen." 

Plötzlich kommt auch die Ansage, dass wir in Frankfurt angekommen sind und in wenigen Minuten landen werden. Ich bin immer wieder verwundert, wie das Schicksal manchmal unser Leben überrascht. Wie wir Menschen treffen oder an Orte gelangen, die für immer in Erinnerung bleiben werden. Ich verspreche ihm sowohl sein Buch als auch Hemingway zu lesen und ihm dann darüber zu schreiben. 

Wir nehmen beide unser Gepäck und gehen Richtung Ausgang. Mit einem warmen Händeschütteln verabschieden wir uns voneinander. 

"Gloria, bleiben sie bitte eine Romantikerin", sagt er noch zum Schluss, dreht sich mit einem breiten Lächeln um, und verlässt den Flughafen.

4 comments:

Xl Jony said...

Kedves Glória! Nagyon tetszett ez a bejegyzés szívhez szoló és nagyon megérintett.

Gloria said...

Das freut mich aber sehr! Sie haben also meinen Blog gelesen. Vielen Dank und alles Gute wünsch ich Ihnen. Ich komme demnächst auf Besuch!

Anette Johann-Berta said...

Liebe Gloria,

ich gratuliere Ihnen zu diesem schönen Bericht.

Gloria said...

Vielen lieben Dank!