Wednesday, 28 October 2015

In deiner Welt



Nach einem langen Arbeitstag, mit stundenlangem Stehen, freue ich mich auf dem Anblick der ankommenden S-Bahn, da ich mich gleich auf einen Sitzplatz am Fenster fallen lassen kann, den Kopf an die Fensterscheibe anlehnen werde, Musik hören und leicht in einer Welt der Erholung entfliehen kann. Ich steige in die Bahn ein und bemerke links von mir einen alten Mann, mit langem grauen Bart, runde Brille, angezogen in hell brauner Kleidung, der auf dem Fenster guckte. Da ich mich noch nicht so schnell entscheiden konnte, ob er eher ein Archäologe sein könnte, oder ein Professor für Philosophie und Literatur, oder vielleicht doch nur ein alter Fischersmann, setzte ich mich auf dem Sitz gegenüber und spekulierte weiter. Doch plötzlich fällt mein müder Blick paar Sitze vor mir entfernt, wo ein anderer Mann, angezogen in einem Anzug aus seinem Kaffee trank. Man würde denken, was ist denn so Besonders an einem Mann im Anzug, der Kaffee trinkt. Tja, es war die Art wie er das tat, die ganzen Bewegungen, die Mimik und die Körperhaltung. Ich konnte einfach nicht weg schauen und versuchte ihn unauffällig zu beobachten. Ich weiß nicht ob er an irgendwelche Tics leidete oder vielleicht an zwangsgetriebene Bewegungen, doch er hatte eine bestimmte Reihenfolge in seiner Art den Kaffee zu trinken. Drei schnelle Schlücke, den Kopf tief im Nacken werfend, und dann für ein paar Sekunden eine Pause. Mit einer rosa Serviette danach die Lippen von Kaffee abwischen, erneut drei schnelle Schlücke, erneut abwischen. Zwischendurch irgend ein Gemurmel, das ich nicht verstehen konnte. Es war etwas Ungeduldiges in seiner Bewegung und gleichzeitig von einer unglaublichen Präzision. Der Mann schien in seiner eigenen Welt des Kaffeetrinken gebunden zu sein, oder wer weiß wo seine Gedanken grad waren. Würden wir uns alle mal diesen Mann von Außen angucken, würden wir sagen, da stimmt was nicht. Seine Art sich zu bewegen scheint sogar pathologisch zu sein. Doch für ihn....für ihn ist es vielleicht der ganz normale Alltag. Als der Kaffee leer war, warf er den Becher in den Müll, wischte den Deckel mit seiner rosa Serviette ab und lagerte ihn in seiner Einkaufstasche. Danach stieg er bei der nächsten Station aus und verschwand.....

Wenn wir so um uns herum schauen, hat jeder seine eigenen Tics und Bewegungsabläufe. Manchmal fällt das auf, manchmal nicht. Manchmal ist es ein Mann im Anzug mit einer rosa Serviette und manchmal ist es ein alter Mann der sich hinter seinem grauen Bart versteckt. Manchmal ist es ein Du,  das trieblos in die Leere guckt und manchmal auch ein Ich, das regungslos den Kopf an die Fensterscheibe anlehnt. 

Dieser unsichtbare Wahnsinn, dieses Unnormale, das wir alle mit uns tragen, das aber immer wieder für den anderen Betrachter auffällt. Diese viele Welten in denen wir uns bewegen. Deine Welt, seine Welt, meine Welt...

Letztendlich besitzen wir alle eine gewisse Verrücktheit....doch, ist das nicht auch wunderbar?

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