Thursday, 12 November 2015

Fremd





6:25 am Bahnsteig: Wie jeden Morgen, fünf Tage die Woche, warte ich auf die S-Bahn. Und da ich immer gute 10 Minuten darauf warten muss, setze ich mich hin, neben dem alten Mann mit runder Brille. Denn so wie ich, wartet er auch jeden Morgen, wahrscheinlich auch 5 Tage die Woche, auf die S-Bahn. Jeden Morgen ist der Sitz neben ihn frei und jeden Morgen setze ich mich dazu. Wir warten zusammen. Ob er mich auch wieder erkennt? An was denkt er wohl? Er guckt sehr ernst, scheint nie zu lächeln, ist in seinen Gedanken vertieft. Er hat immer die gleiche schwarze Arbeitstasche mit sich und steigt immer in die S9, die zum Flughafen führt. Ob er da auch arbeitet? 

6:33 weiterhin am Bahnsteig: Ich höre ihn an seinem Stock die Treppe hoch kommen. Es ist der blinde Mann. Trägt eine dunkle Brille und hat einen schwarzen Schnurrbart. Jeden Morgen, oder zumindest auch an 5 Tage die Woche, nimmt er den gleichen Weg und stolpert an den Sitzbänken vom Bahnsteig. Er kommt genau auf die Minute an, wo auch die S8 ankommt und fragt die anderen wartenden Leute, welche Bahn das ist. Wo geht der blinde Mann hin? War er schon immer blind? Bewundernswert, wie er das hinkriegt. Ohne irgend etwas zu sehn, durch diese Welt zu laufen. Wir alle stolpern manchmal mit offenen Augen durch dieses Leben....und lernen nichts daraus....

6:45 an der Ampel: Wir überqueren immer gleichzeitig die Straße. Er trägt immer ein Lächeln im Gesicht und einen braunen Mantel. Manchmal hat er auch ein Buch dabei. So wie ich, scheint er auch in Eile zu sein. Vielleicht ist er ein Professor? Wo geht er hin? Ist er glücklich?

Man geht oft an Menschen vorbei, die man ständig sieht, aber nicht kennt. Menschen die uns fremd sind und trotzdem nicht fremd. Vielleicht fragen sie sich auch wer wir sind. Oder vielleicht auch nicht. Wir laufen aneinander vorbei oder miteinander, als kennen wir uns schon länger her. Doch was wissen wir voneinander?

Man geht aber oft an Menschen vorbei, die man ständig sieht und die man auch kennt. Schon seit Ewigkeiten. Wir fahren zusammen Bahn durch dieses Leben und warten gemeinsam am Bahnsteig. Doch mehr wissen wir nicht. Wir treffen uns an der Ampel unseres Herzens, doch laufen einfach vorbei, überqueren die Straßen unserer Gedanken und bleiben nicht stehen. Ein Er trifft auf Sie und lässt trotzdem ihre Hand los. Irgendwo ein Sie umarmt gefühllos einen Er. Woanders ein Wir sucht ständig nach dem Selbst. Fragst du dich wer ich bin? 

Mindestens 5 Tage die Woche laufen wir blind herum. Treffen uns ständig und tun als wüssten wir, wer wir und die anderen sind. Doch was wissen wir voneinander? Was weißt du und was weiß ich? Ein unbekanntes Ich. Ein mir noch unbekannteres Du.

24 Stunden an der Kreuzung unseres Lebens: Hallo, erzähl mir wer du bist! Ich will alles wissen.


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