Thursday, 3 March 2016

Schlaganfall


Ich sehe täglich Schlaganfälle. Es sind Bilder, die mir manchmal nicht aus dem Kopf gehen können. Sie, die Betroffenen, liegen manchmal wochenlang nur da und warten....Worauf frag ich mich immer? Ob sie das noch wissen? Irgendwann kommt der Punkt, wo man alles getan hat, wo man nicht viel mehr verbessern kann. Manche sind komplett gelähmt und kriegen von der Außenwelt nichts mehr mit. Oder doch? Andere können noch die eine Körperhälfte bewegen. Dann gibt es die, die nicht mehr sprechen können, obwohl sie alles verstehen und letztendlich gibt es auch die, die nur noch für eine kurze Zeit aufatmen um danach diese Welt zu verlassen. Manchmal denke ich, dass die Letzteren am glücklichsten sind, weil sie das ganze Leid und den ganzen Schmerz nicht mehr ertragen müssen. Weil sie nicht zugucken müssen, wie ein anderer deren Arm versucht zu bewegen oder sie füttert, als wären sie alle wieder kleine Kinder, die gerade auf die Welt gekommen sind. Dabei tun sie alles andere außer leben. 

Und manchmal habe ich das Gefühl, dass wir alle täglich von gewissen Schlaganfällen betroffen sind.   Diese Momente, wo du zu ersticken denkst, wo du dich an deinem Bett wie festgenagelt fühlst, wo du deinen eigenen Körper und Kopf nicht verlassen kannst. Diese Ereignisse, die viele Nebenwirkungen und Wunden hinterlassen, Narben, die bei jeder Bewegung zu platzen drohen. Dieses ganze Gefühlskarussell schießt manchmal wie ein elektrisierender Schlaganfall in dich hinein und lässt dich sprachlos, raubt dir die Fähigkeit zu laufen und dann liegst du nur noch da, wie gelähmt, mit einem tauben Gefühl in deinem Kopf und deinem Herzen. Du würdest gleichzeitig schreien und weinen, doch keiner hört dich.

Und manchmal habe ich das Gefühl, dass du dein eigener Schlaganfall bist. So wie ich meinen eigenen erzeuge und jeder so für sich. Als würden wir uns bewusst oder auch unbewusst in dieser Lage der Paralyse verlegen, wo wir in einer Sprachlosigkeit versinken und nur langsam wieder raus finden.

Wenn der Anfall kommt oder auch da ist, dann denke ich oft an die richtigen Anfälle, die ich täglich zu sehen bekomme. Und dann fange ich an, meinen gelähmten Körper wieder in Bewegung zu bringen. Dann suche ich wieder diese kleine Tür zur Außenwelt. Dann atme ich tief ein und erinnere mich daran, dass ich eine Erinnerung hab. Dass ich atmen und laufen kann. Dass ich laut schreien kann. Dass ich lachen und lieben kann. Dass ich, ich bin und du, du bist! Das ich und du und all die anderen am Leben sind. Am richtigen Leben!

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