Thursday, 8 September 2016

Die Welle



Es kommt wie eine Welle auf dich zu, wie ein Blitz, dem du nicht entweichen kannst, wie ein Pfeil, welches direkt auf dich geschossen wurde. Und wenn es dich trifft, dann geht alles los, du verlierst Stück für Stück die Kontrolle, du kannst weder „Stop“ noch „Halt“ sagen, du bist eigentlich kraftlos. Dann fängst du an, dein Gehtempo zu steigern, du wirst immer schneller und versuchst der Masse zu entfliehen. Leider musst du raus unter den Menschen, in die Stadt, da du etliche Termine hast, die du noch erledigen musst. Es gibt keinen Ausweg. Deine Schritte werden schneller, du blickst nach unten und hoffst, dass dich kein bekanntes Gesicht entdeckt, vor dir stehen bleibt und dann diese ständige Fragerei anfängt:

„Hallo, na, wie geht’s?“ (danke, beschissen)
„Hey, na, ist es schon soweit?“ (nein, es ist nie soweit)
„Hey, also langsam ist genug Zeit vergangen, oder?“ (Ah was, hast du jetzt auch noch eine Zeitmaschine bei dir?)
„Hey, na, was machst du so?“ (versuche zu überleben)
„Hey na, bist du auch schon so weit?“ (nein, ich bin nicht einmal nah genug)
„Hey, na, hast du schon, gehst du schon, beginnst du schon?“ (Nein, nein, nein!)

Stattdessen quälst du dir ein Lächeln auf dem Gesicht, bleibst höflich stehen wenn angehalten und:

„Hallo, ja, mir geht’s gut. (lächeln)
„Hey, ja, bin schon gut dabei.“ (weiter lächeln)
„Hey, ja, das stimmt, es ist schon genug Zeit vergangen.“ (du kämpfst mit deinen Gesichtsmuskeln, lächeln)
„Hey, ja, du, bin grad so beschäftigt.“ (blickst kurz mal in einer anderen Richtung)
„Hey, ja, längst schon erledigt“ (nochmals lächeln)
„Hey, ja, ja, ja, ja.“ (ein letztes Mal, dann Abschied)

Du gehst nicht mehr, sondern du läufst und hoffst, dass du so schnell bist und fast unsichtbar für die anderen Menschen. Die Ampel ist rot, Mist, genau die, die immer so lange dauert. Wo sind denn diese Taschentücher, denn die erste dicke Träne kullert dir schon über die Wange runter. Du wühlst wie manisch in deiner Tasche rum, ja endlich, die Taschentücher. Zwei sollen reichen. Schnell noch die Milch und eine Avocado holen. Kurz hinter den Regalen im Supermarkt stehen bleiben und sich sammeln. Langsam hältst du diesen Druck nicht mehr aus, jetzt noch eine dicke Träne und gleich noch eine, und dann gleich noch zwei. Du tust so, als würden dich die neuen, ultrateuren Bio Brotaufstriche unglaublich interessieren. Die Welle hat sich beruhigt. Du zahlst, vergisst zu grüßen und läufst nach Hause, als hättest du die Milch gestohlen. Kurz vor der Haustür, wo ist denn dieser blöde Schlüssel? Die Welle ist da, egal, bist wie zu Hause. Läufst kaum noch atmend die Treppe hoch. In deinem Gesicht eine Mischung aus Schweiß, Angst und Erschöpfung.


Du knallst die Tür hinter dir zu. Du bist endlich da. Du bist endlich bei dir. Ja, hier, dein Frust, deine Wut, dein Schluchzen, dein Zimmer, dein Bett, deine Müdigkeit, deine Fragen, deine Antworten, dein Selbst, dein Du....dein Untergang.

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