Saturday, 29 October 2016

1. Kapitel

"Hier ist ihr Ausweis, hier der Schlüssel, unterschreiben sie bitte hier und nochmals hier, das ist der Laufzettel, bitte im Gebäude E, hinter dem Bau, zweite Straße rechts, anmelden, Kleidung in der Wäscherei abholen, bitte hier noch eine Unterschrift und diese Papiere aufmerksam durchlesen, ah und wir bräuchten noch eine Kopie von x,y,z und soweit so gut, einen guten Start wünschen wir ihnen."

Danke schön, denke ich, und nun? Welches Gebäude nochmal? Was mach ich mit diesem Blatt? Und wozu ist nochmals dieser Schlüssel? Die Frau aus der Personalabteilung hat viel zu schnell geredet. Die Hälfte habe ich schon vergessen. Und mit allen Unterschriften, die ich abgeben musste, habe ich bestimmt meine Organe hier verkauft. Nun gut. Am besten war es am Infopoint, nach den verschiedenen Orten zu fragen. Dabei bekam ich meistens die Antwort :"Hmmm, wie erkläre ich ihnen das, es ist ziemlich kompliziert, sie müssen an den Altbau vorbei, ja ja, dort an der Baustelle, gerade aus, und ja, dann links und dann ganz schnell rechts und....sie finden's schon." Ich versuche diesen wunderbaren Anweisungen zu folgen und natürlich, ich verlaufe mich. Wo ist denn diese blöde Apotheke? Nach 2 Runden herumirren sieht mich der Parkhauswächter, wie ich langsam am Verzweifeln bin, lächelt mir kurz zu und fragt mich wo ich hinmüsse. Wir laufen gefühlt wie in einem kleinen Labyrinth und sind endlich da. Sein "das ist auch wirklich für jemanden Neuen schwer zu finden" beruhigt mich ein bisschen.

Endlich auf Station, Stethoskop um den Hals, Pocketbücher in der Tasche und es dauert nicht lange bis ich es mir einfach gestehen muss....am Anfang fühlt man sich nur noch wie ein Trottel. Lauter Fragen, tausend davon, wann hab ich bitte das gelernt? Wo ist das ganze Wissen von den 7 Jahren weg? Welche Dosierung? Fragen beantworten. Diensttelefon klingelt. Wo hingehen? Aha, Röntgenbesprechung. Mist, habe mich wieder verlaufen. War das nicht im 1. Stock? Gut, dann mal schnell zur Mittagsbesprechung. Und während ich auf dem Flur tatsächlich fast laufe, weil die Zeit so knapp ist und mein Supervisor noch schneller läuft, denke ich, was mach ich eigentlich hier? Was habe ich bitte bis jetzt studiert? Plötzlich sieht die Welt ganz anders aus. 

Am Ende des Tages falle ich tot auf der Couch und denke, schön, noch 3 Stunden bis ich schlafen gehen kann und ab morgen geht es wieder mit den ganzen Überforderungen los. Doch nach paar Tagen (und ja, auch paar Heulrunden) merke ich, unter all den anderen Neulingen, hey, es geht nicht nur mir so, und mein Verlaufen durch das Haus, hängt wirklich nicht nur von meinem Orientierungssinn ab. Ich merke, dass am Anfang jeder überfordert ist und mit manchen würde ich wirklich nicht tauschen wollen. Doch man muss einfach durch und mit jedem Schritt wird man sicherer, auch wenns heißt den Raum der Röntgenbesprechung zu finden. Mit jedem Tag denkt man, dass das alles hier doch Sinn macht und dass irgendwo, auf einem anderen Flur, in einer anderen Abteilung ein mindestens genau so verzweifelter Anfänger durch die Station läuft und versucht alles an Informationen aufzusaugen. Irgendwo kullert auch eine Träne die Wange runter, oder der Puls steigt gefühlt bis zur Decke hoch. Irgendwo sind noch andere weiche Knie und irgendwo ist noch jemand, der Haus E nicht finden kann.

Die ersten zwei Wochen habe ich überlebt und die Schritte werden sicherer. Die Angst verfolgt mich weiterhin und hängt quasi an meinem Kittel fest. Doch manchmal sprühe ich sie einfach mit etwas Desinfektionsspray weg und für paar Minuten habe ich Ruhe. Irgendwann werden es keine Minuten mehr, sondern Stunden, danach Tage und irgendwann....Routine.

Und dann Wochenende! Noch nie habe ich dich so geliebt und genossen. So sehr, dass ich mich einfach bei den herbstlichen Sonnentage auf den Boden, auf den bunten Teppich aus Blättern werfe und nur bete: lass bitte morgen ein sicherer Tag sein....




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