Friday, 14 October 2016

Ich erinnere mich



Ich erinnere mich als 2009 der große, weiße Umschlag nach Hause ankam mit der Nachricht "Herzlichen Glückwünsch, sie haben einen Studienplatz bekommen."
Ich erinnere mich, wie ich in 5 Tagen eine Wohnung finden musste. 
Ich erinnere mich, wie ich in dieser Stadt ankam, voller Neugierde, voller Hoffnung, voller Wünsche und ich das erste Jahr hier gehasst habe.
Ich erinnere mich, wie ich vor Studienbeginn, im Auto meiner Mutter saß und zu ihr meinte: "Wenn man sich gut die Zeit einteilt und organisiert ist, dann kann man alles schaffen, noch nebenbei all seine Hobbies ausüben...." Damals hatte ich noch keine Ahnung wie das erste Jahr sein sollte....
Ich erinnere mich, wie ich mir im ersten Studienjahr ständig die Frage gestellt habe, was ich hier wohl verloren habe, was ich eigentlich aus meinem Leben machen möchte und ob es eigentlich das Richtige sei....
Ich erinnere mich an das Telefonat, wo ich heulend meinte ich gebe auf, ich komme nach Hause, ich möchte das hier alles nicht mehr, es war ein Fehler....ein großer Fehler, dieses Studium je angefangen zu haben, es sei zu viel, zu schwer, ich käme nicht klar damit, ich sei....ich sei so alleine...
Ich erinnere mich wie die Nächte zu Tage wurden, Red Bull anstatt Wasser, Marmeladenbrote, Schokoriegel, Zuckerschock....
Ich erinnere mich, wie ich verzweifelt in meinem Zimmer kreiste um mich dann irgendwann müde auf den Boden zu werfen....und stundenlang die Decke anschaute, in der Hoffnung, irgendwo würde ich dort den Ausweg finden, wie wenn ich mir einen alten, zerknitterten Stadtplan anschauen würde, oder eine Weltkarte....meine eigene Weltkarte.
Ich erinnere mich, wie ich anfing die Stadt zu mögen und immer mehrere schöne Ecken zu entdecken. Die Nächte waren wieder zum Schlafen da und die Tage zum leben....zum glücklich leben. Langsam konnte ich meine Weltkarte lesen.
Ich erinnere mich an der Schlägerei im Treppenflur und dann gleich der Umzug im Regen.
Ich erinnere mich an meiner ersten großen Niederlage im Studium, das mich gezwungen hat ein halbes Jahr nochmals den Stoff "zu vertiefen", oder einfach mal nochmals über mein Leben und das bisher Geschaffte nachzudenken...macht das alles Sinn? Ja, ja, ja, ja, hieß es immer von Außen. Weiter machen.
Ich erinnere mich an meiner ersten richtigen Beziehung und die erste richtige Trennung.
Ich erinnere mich an meinem ersten großen Erfolg: Bestanden im Zweitversuch.
Ich erinnere mich wie ich im Laufe der Zeit immer mehrere Menschen kennengelernt habe, Menschen, die zu sehr gute Freunde wurden und manche davon, Teil meiner Familie, Teil meines Lebens. 
Ich erinnere mich, wie ich auch manche Menschen aus meinem Leben verloren hab: Entfremdung, Auseinanderleben, Wegleben und das Gefühl des nie Wiedersehen...
Ich erinnere mich, wie ich mir geschworen hab, in dieser Stadt nicht alt zu werden, weiter ziehen: wohin? das wusste ich noch nicht, was genau machen? wusste ich auch nicht....aber einfach fort, weg, was anderes erleben, was anderes spüren....
Ich erinnere mich an mein erstes Blockpraktikum und wie ich mich voller Panik in der Umkleide versteckt habe. 
Ich erinnere mich aber auch, wie ich irgendwann singend auf die Station rumlief oder mich bei den Patienten dazu setzte um Geschichten zu hören. Wenn ich Glück hatte gabs auch etwas Schokolade für mich.
Ich erinnere mich, wie ich mit der Krebsdiagnose verschiedener Patienten nicht umgehen konnte und ich mich wieder in der Umkleide versteckte. Ich erinnere mich aber auch, wie ich da wieder raus kam und weiter machte....oder ein Schutzengel an Herrn E. als Schlüsselanhänger verschenkt habe....
Ich erinnere mich an die tanzenden, sorglosen Nächte, an den Schnapps und den Rauch, an das Glücksgefühl in meinem Herzen, an das neu entdeckte Lieblingscafé, an das Schreiben über Gefühle, an das erste Bahnhofsviertelfest und mein Bockenheim, an diese Stadt die ständig lebt, an die Faszination für Theater und Kunst, an das sich wieder Verlieben, an das wieder Vergessen lernen...

Nach sieben Jahren, sitze ich nun hier, genau in der gleichen Stadt, wo alles anfing und ich erinnere mich zurück....Die Stadt, die ich anfangs gehasst habe, kann ich nun mein neues Zuhause nennen. Die Stadt, wo ich damals einen Lebensabschnitt angefangen hab, wird nun der Start für die nächste Stufe sein und für den nächsten wichtigen Abschnitt, für den ich mich fast gute sieben Jahre durchkämpfen musste. Die Stadt, in der ich zum ersten Mal geliebt und gehasst habe, gelacht und geweint, gestolpert, stehen geblieben, weiter gemacht...Ob ich hier alt werde? Das weiß ich nicht. Ob es das Richtige ist? Sehr wahrscheinlich. Der Unterschied zu damals....vor sieben Jahren, ist, dass ich heute mehr weiß, über mich und meine Wünsche, über mich und meine Gefühle, über mich und Frankfurt, über mich und meine Freunde, über mich und meine Familie...über mich und mein Leben...

Oktober 2016....ja, ich erinnere mich...

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